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2. Teil

„Sind wir schon auf Drachengebiet?" fragteJ onas.
„In jedem Fall tief unten im Erdreich. Und zwar ohne Onkel Maulwurf", bemerkte Mirco. Alicia schaute sich um. „Hier gibt‘s nichts als Felsen und Brocken. Ziemlich langweilig-schaurig. Sollen wir nicht besser umkehren?"

Doch da erblickte Alicia, da entdeckten die Freunde einen glatten, runden, leicht gesprenkelten Stein. Wie der so seltsam glänzte! Man hätte meinen können, eine Marmorkugel oder ein Schmuckstein oder ein Ei …

„Klopf da lieber nicht an!" schrie Alicia besorgt. Schon zu spät. Jonas hatte unbekümmert mit dem Pfotenknöchel das Ding angeschlagen. Ganz grau und mäuschenstill war er jetzt. Mucksmäuschenstill waren die Freunde. Und aus dem Ei pochte es mit einem Mal zurück!

„Sag mir schnell alles, was Du über Drachen weißt", bat Jonas.
„Die schlüpfen aus Eiern", antwortete Alicia.
„Aus solchen wie diesem da?" rätselte Mirco.
„Bevorzugt aus solchen", verkündete Alicia düster.

Die dicke Schale knackte und krachte und platzte und riß. Und brach mehr und mehr auf.
„Sag mir noch schnell, was macht ein Drache, nachdem er geschlüpft ist?"
„Er hat erst einmal furchtbaren Hunger."
„Ach, herrje. Was speisen Drachen? Mögen die Mäuse?"
„Ich habe keinen Schimmer. Ich hoffe bloß, wir sind zu klein für großen Hunger."

Und im Nu machten sich die drei kleinen Mäuse noch ein ganzes Stück kleiner.
„Ich bin der Torsten", sagte der Drache.
„Ihr drei seht aber nicht wie Drachen aus."
„Wir sind Mausdrachen", rief Mirco. „Praktisch sind wir Verwandte."
„Liebe Vettern also! Dann habt ihr bei mir so freundlich angeklopft?"
„In der Tat. Das waren wir. Wir wollten dir ein Geburtstagsständchen bringen. Wo du doch gerade auf die Welt gekommen bist."

Da warf Jonas ein: „Torsten, wir singen dir zu Ehren ein Lied. Die Ballade von Sankt Mausbert, dem Drachenfänger."

Hoppla! Was hatte er eben gesagt? Was war ihm da eingefallen? Jonas wurde mausgrau vor Schreck.

Alicia aber rief geistesgegenwärtig: „ Die Ballade von dem Sänger, dem Drachensänger. Mit sss und nicht mit fff."
„Mausssbert mit sss?" wunderte sich der kleine Drache.
„Genaufo ift ef" antwortete Jonas.

Jonas blickte Mirco an. Mirco blickte Alicia an. Alicia schaute sich nach Onkel Maulwurf um. Doch der hielt sich aus irgendeinem verborgenen Grund noch versteckt.

„Eins, zwei, drei" gab endlich Alicia den Takt an. Und die drei kleinen Mäuse fiepten ihr Lied:

„Die Feldmaus lebt auf freiem Feld
Die Hausmaus zählt ihr Haushaltsgeld
Die Waldmaus jagt im dunklen Tann
Die Springmaus springt nur dann und wann
Die Wühlmaus äußert im Gewühl
Der Haselmaus ihr Mitgefühl
Die Haselmaus bedankt sich sehr …"

„Wo bleibt denn da der Drachensänger?" brüllte der kleine Drache. „Kriegt der Mausssbert endlich seine Strophe oder was?"

„Die Haselmaus bedankt sich sehr
Und fragt, wo denn der Mausbert wär.
Der Mausbert findet Drachen toll
Weil … ja weil … nun weil … sie grün und stark und klug und schön sind!"

„Wunderbar! Noch mal!" verlangte Torsten der Drache.

Da sangen die drei Freunde das Lied noch einmal und dann ein drittes Mal mit einer Zusatzstrophe. Die Ballade endete jetzt und künftig mit: „…ja, wir Mäuse und ihr Drachen/können gut zusammen lachen."

Dann wollten die Mäuse vom Drachen wissen, wo die Regenmacherin steckt. Torsten entgegnete, er wüßte das wohl. Wenn einer das überhaupt wüßte, dann er. Er könne den Weg zu ihr auch gern zeigen. Doch zuerst müsse er fleißig Licht futtern.

„Du meinst wohl, 'ans Licht, um zu futtern‘?" fragte Onkel Maulwurf, der endlich grummelnd und brummend wieder aufgetaucht war.
„Wie Du meinst. Ans Licht, um Licht zu futtern" erwiderte das Drachenkind.
„Bist du denn so lichthungrig?" fragte Jonas interessiert.
„Klar doch. Licht ist meine bevorzugte Speise. Ich könnte ein ganzes Lichtermeer ausschlürfen."
„Und lange Lichterketten verschlingen?"
„Auch das!" „Lichtstrahlen wegknabbern?"
„Auch das!"
„Lichtschimmer aufschlecken?"
„Auch das!"
„Lichtpausenbrote verschlingen?"
„Sind die denn lichtecht?" fragte der Drache mißtrauisch.

Alicia aber rief: „Sehen wir zu, dass wir zuallererst wieder heil ans Tageslicht kommen!"
„Das ist fein." antwortete der Drache. „Tageslicht find ich lecker."

Der Maulwurf hatte noch einiges zu graben. Deshalb führte er die anderen an einen Schacht, wünschte allseits viel Erfolg und gute Reise und verabschiedete sich wieder. Der Weg der vier Freunde hinauf zur Sonne und zur Freiheit war mühselig. Kaum war ein erster dünner Lichtstrahl zu sehen, schnappte sogleich der Drache danach, schlang ihn begierig hinunter. Worauf es plötzlich, sozusagen mit einem Happen, stockfinster wurde im Aufgang. Was dem Drachen wohl einfiele, die ganze Notbeleuchtung aufzufressen? Der kleine Drache dachte stumm darüber nach. Zugleich dachte Jonas laut nach, ob man ohne Licht überhaupt die Dunkelheit sehen kann. Irgendwer tappte Mirco fortwährend auf den Schwanz. Alicia sah endlich weit voraus einen Hoffnungsschimmer und bat Torsten, jetzt bitte ja nicht unbedacht das Maul aufzureißen.

„Zur Regenmacherin muß ich ja hinfliegen", fiel dem Drachen ein.
„Wo ist das Problem?" fragte Alicia.
„Ich bin dafür noch zu klein", meinte der Drache.
„Ach was", pfiff da Alicia. „Du musst Dir immer nur mehr zutraun, als du dir eigentlich zutraust. Damit kommst du im Leben schon weiter."
„Je kleiner die Mäuse, desto flotter die Sprüche", erwiderte der Drache.
„Ich weiß, wie man fliegt", erklärteJonas.
„Ich kann es euch vormachen."
„Du hast gar keine Ahnung", schrie Mirco.
„Weiß ich sehr wohl. Fliegen ist genauso wie Fallen. Nur in die umgekehrte Richtung."

Mirco ließ sich prompt zu Boden fallen und strampelte mit den Füßen. „So? Meinst du so?"
Mausuno hüpfte um ihn herum. „Ganz verkehrt! Umgekehrt mein ich das! Du fällst völlig falsch herum!"

Der kleine Drache stand daneben und schlug vor Aufregung mit den Flügeln. Schon erhob er sich um Zentimeter. Und schwebte! Stieg höher! Schraubte sich in die Luft! Zuerst nur in Mauseshöhe, dann hoch hinauf in bester Drachenmanier!

„Siehst Du", rief Jonas. „Torsten hat das gleich kapiert."
Alicia klagte: „Ich wollte ja bloß zur Regenmacherin. Und jetzt lassen wir hier Drachen steigen."
Der Drache schrie: „Ich fliege! Ich fliege!"
Mirco rief ihm zu: „Torsten, warte! Wir fliegen alle mit."

Der Drachenflug zur Regenmacherin wäre glatt und ohne jeden Zwischenfall verlaufen. Wenn sich Jonas und Mirco nicht über feuerspeiende Berge unterhalten hätten. Dort drüben zum Beispiel, der Fledermauskopf (siebzehntausend Mausfuß ü.d.M.), das sei ein passiver Vulkan, weil er nie ausbrechen würde. Sagte Jonas. Mirco widersprach auf der Stelle. Der Berg da unten, das sei zunächst einmal der Mausspitz (neunzehntausend Mausfuß ü.d.M.) und nicht der Fledermauskopf. Außerdem sei das ein aktiver Vulkan, weil er jederzeit ausbrechen könne. Worauf wiederum Torsten seinen Senf dazu gab. Er selbst sei von Geburt an aktives Mitglied im Vulkanclub, ganz automatisch. Alicia wollte gerade fragen, ob das bedeutet, daß auch ein Drache jederzeit ausbrechen kann. Da brach der Vulkan aus.

„Nur gut, daß du das ganze Feuer geschluckt hast." meine Mirco.
„War knusprig." antwortete der Drache. „So, jetzt sind wir da."

Alicia wunderte sich: „Wo steckt die Regenmacherin? Ich kann gar nichts sehn. Die Sonne blendet so stark."
„Ich seh sie, ich seh sie!" rief Mirco und trippelte aufgeregt hin und her. „Dort, hinter dieser Sonnenblende."
„Jetzt seh ich sie auch!" riefJonas. „Sie liegt da unten, so traurig und so matt wie die Margerite."
„Ach, du arme Maus! Die Frau Regenmacherin ist eingesperrt!"
„In einem Strahlengefängnis!"
„In einem Sommerloch!"
„In einem Leuchtkasten!"
„Das war der Sommer!"
„Das war er bestimmt."

Während Jonas und Mirco dem Sommer ziemlich gemeine Sachen nachriefen, verhandelte Alicia mit Torsten dem Drachen: „Kannst Du nicht einfach die Bannstrahlen wegknabbern?"
„Ich bin so satt! In meinem Bauch rumort ein halber Vulkan!"
„Komm, sei ein echter Drache!"
„Bin ich doch!"
„Nur einen Bissen!"
„Ich mag nicht. Bannstrahlen sind ziemlich bitter!"
„Sei ein lieber Drache!"
„Ich will nicht."
„Dann sei ein böser Drache!"
„Na gut."

Und so befreite Torsten die vom Sommer eingesperrte Regenmacherin. Die Mäuse labten sie aus der mitgebrachten Feldmausflasche. Endlich schlug die Regenfrau wieder ihre Augen auf, erblickte vor sich drei kleine Spitznasen und seufzte laut auf: „Drei Mäuse, ausgerechnet! Immer dann, wenn man einen Drachen braucht, trifft man Mäuse!"

„Der Sommer hat mich überrascht, als ich in einem Tautropfen döste. Dann hat er mich eingeschlossen. Der duldet nicht, daß auch nur eine Wolke über seinen blauen Himmel wandert."
„Liebe Regenmacherin", warf Jonas ein. „Jetzt helfen dir aber drei starke Mäuse. Und auch ein kleiner Drache."

„Ich weiß schon wie", bemerkte Torsten. „Irgendwie weiß ich das bereits, wie ich dir helfe. Das wird ein Spaß!"
„Weil du den Sommer einfach vertreibst?" fragte Alicia.
„Weil du den Sommer einfach auffrißt?" fragte Jonas.
„ Weil du den Sommer einfach jetzt grillst?" fragte Mirco.
„Indem er Wolken macht. Das können Drachen prima." erklärte die Regenmacherin. „Oder bist du dafür zu müde, Torsten?"

„Aufgepasst!" schrie der Drache. Und er drehte sich schneller und schneller, wirbelte irrwitzig im Kreis, wurde flugs zum schwirrend-grünen Drachenkreisel. Und stieß bei all dem schwarze Rauchwölkchen aus Nüstern und Ohren.

„Wer Regen will, muß erst einmal Wolken machen", erklärte die Regenfrau.
„Das sehe ich auch so", erwiderte Alicia.

Wer Regen will, der muß aber auch die vier Winde rufen. Das tat die Regenmacherin und sie warf sich ihnen entgegen und teilte die Winde mit ihren Händen und formte und ballte und türmte allen schwarzen Rauch zu bauchigen Wolken. Wie es da aus heiterem Himmel heulte und pfiff und heftig übers Land fuhr! Windstoß um Windstoß schleuderte die Regenmacherin über die ausgedörrten Gefilde. Bald zerplatzten erste schwere Tropfen auf der staubigen Erde. Rasch zog die Regenfrau einen Vorhang vor die Sonne. Eine kalte Hand griff nach dem Sommer und ließ den Sonnenmann erschauern.

„Jetzt haben wir dem Sommer ganz schön heimgeleuchtet!" rief Mirco.
„Maus! Aufgepasst! Dass dieses Unwetter nicht auch noch uns dreien ein feuchtes Ende bereitet!" piepste Jonas beklommen.

Zwischen den Wolken verschwanden Torsten der Drache und die Regenmacherin. Unten auf der überfluteten Erde hatten die drei kleinen Freunde einen Ast gekapert. Jetzt ritten sie pfeilschnell auf einem Wogenkamm.

„Woher weiß diese Welle, wo‘s langgeht?" fragte Jonas.
„Das hat ihr die Regenmacherin geflüstert", versicherte Alicia.

„Da seid ihr ja wieder, ihr drei Abenteurer! Gruß von der Regenmacherin!" So begrüßte der Mauspapa die drei Freunde und zeigte auf Pfützen und Bächlein und tropfnasse Blätter.

„Was sind wir froh, daß ihr alle mausgesund wieder da seid!" rief Onkel Maulwurf.

Da umarmten sie sich und freuten sich sehr und rieben heftig die Nasen aneinander. Und über all dem blieb kein einziges Auge trocken.


[Berkeley, 18. - 19. Februar 1999]

zurück zum Seitenanfang Dank an die Märchenerzähler
Die erste Version, nämlich "Die Geschichte von den Mäusen, dem Regenmacher und dem Zauberdrachen", erdachten Rüdiger Thonius und Dirk Vanderbeke. Diese Fassung erweiterten Johanna Voss und Doris Leyendecker zu "Ein Drache für die Regenmacherin". Ich habe schließlich mit dem alten Handlungsfaden die Geschichte neu gestrickt - mein Dank gilt Johanna, Doris, Rüdiger und Dirk!
Märchenfreunden schickt Dirk Vanderbeke "Die Geschichte von den Mäusen, dem Regenmacher und dem Zauberer" gern zu! [Mail an Vanderbeke@t-online.de]

© 1999 dieser Fassung: Gerhard Winkler (Text), Johanna Voss (Illustration)
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