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Da war einmal eine Frau, die war grad so arm, daß sie sich nichts wünschte.Sie traute sich nicht. Abends saß sie oft auf der Bank vor ihrer Kate. Auf dem ungepflasterten Weg zog vielleicht ein Bauernkarren oder sogar ein Zweispänner vorbei. Die Frau schaute nicht auf, niemals. Sie fürchtete sich, ihrem Unglück ins Auge zu blicken. Ein frommer Wunsch? Der würde sich nur gegen sie wenden. Nichts werd' ich mir wünschen! Gar nichts! Sonst wird alles, was schlimm genug ist, nur noch schlimmer. So dachte die Frau.

Die Frau hatte drei Töchter. Der Mann, ja der hatte sich schon lang in den Himmel gewünscht. Oder an einen Ort weit über der See. Egal wohin, Hauptsache fort. Das war fast vergessen, aber noch lang nicht vergeben, sagte die Frau. Jetzt hatte sie nur mehr drei Töchter, dünne Stifte allesamt, die letzte geradezu winzig. Vor der Mutter Wünsche zu äußern, das war den Kleinen streng verboten. Die Frau sagte nämlich: Uns reicht, was wir haben, und still jetzt.


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Eines klammen Morgens, da waren sie alle im Garten am Frühwerk. Die Mutter rupfte und zupfte am Unkraut. Melissa, die älteste Tochter, die mußte Erbsen lesen. Die Kleinste aber, ein Winzling, die taugte noch nichts, die sollte die Erbsen fein zählen. Doch die harten Küglein kullerten immer fort oder sprangen ihr über die schmalen Finger. So blieb für Camilla, die mittlere Tochter, die die ganze Erbsenzählerei fein ins Sparbuch eintragen sollte, fast gar nichts zu tun.

Dies betrachtete die Mutter für eine ganze Weile. Und sagte kein einziges Wort. Die Älteste, auch die beobachtete alles aus den Augenwinkeln genau. Und schwieg wie die Mutter. Camilla balancierte das Haushaltsbuch auf spitzen Knien. Da hinein zeichnete sie getreulich Gartenzaun und Erbsenstauden und daneben noch den verkrüppelten Apfelbaum. Für solch eitle Morgenträumereien war die Kladde gar nicht bestimmt. Deshalb zeichnete Camilla alles dicht an dicht, so eng es nur ging. Sie seufzte und und blickte nicht auf und spitzte beim Zeichnen eifrig die Zunge. Auf den Ast des mickerigen Apfelbaums setzte sie noch einen winzigen verhungerten Spatzen. Wie das Blattwerk lila Schatten wirft! Und wie die Morgensonne die Spatzenfedern so wunderhübsch tönt, dachte die Mittlere bei sich. Und sprach mehr für sich selbst: Ach, ich wünsch' mir so sehr, daß mir jemand zeigt, wie sich das malt.

Mit einem großen Schritt war da die Mutter bei Camilla, zog ihr das dünne Buch aus den Händen, riß die zu Tode Erschrockene hoch, stieß sie hinaus aus dem Garten, den abschüssigen Weg hinunter, trieb das Kind den Sandweg hinab bis zum Kiefernwäldchen, welches sie beide verschluckte.

Nach einer Weile kam die Mutter allein wieder aus dem Dickicht heraus, wandte sich halb zurück, schüttelte beide Fäuste, schien etwas zu rufen, bückte sich, vielleicht um einen Stein aufzuheben, der Wind verwirbelte jedes Geräusch.

Als sie wieder oben an der Hütte ankam, allein, da war die Mutter ein stummer Fisch wie zuvor. Nur zwei glutrote Flecken stachen aus ihrem verhärmten Gesicht. Daß uns nur keinem einfällt, die arme Mutter mit unseren blöden Wünschen zu stören, zischte Melissa, die Älteste, dem Winzling ins daumennagelgroße Ohr.

Am Abend hockte die Mutter blaß auf der Bank. Der Winzling spielte im Staub zu ihren Füßen. Nur Melissa blickte verstohlen zum Wäldchen. Die Kiefern standen schwarz und stumm.

Der verkrüppelte Apfelbaum hatte seit diesem Geschehnis wohl geblüht.In einer bitterkalten Nacht war er aber schwarz abgefroren und ganz unnütz geworden. Auf wunschlose Tage folgten traumlose Nächte. Und so ging es fort. Die Mutter rackerte und schuftete, die Älteste wuchs und blieb dabei schmächtig. Die jüngste Tocher jedoch war und blieb ein namenloser Winzling.

Eines klammen Morgens, da waren sie alle am Strand beim Schneckensammeln. Die Mutter rupfte und zupfte zwischen stinkenden Algenbüscheln umher. Auch Melissa, die älteste Tochter, mußte Schnecken verlesen. Die Kleinste aber, der Winzling, die taugte immer noch nichts und sollte die Schnecken fein zählen. Doch die Gehäuse waren alle leer oder mit eiskaltem Wasser gefüllt und verdarben nur die schmalen Fingerchen. Dies ging eine lange Zeit und brachte nichts ein. Bald tat Melissa, was sie nicht tun sollte. Sie sprang zu der Kleinsten, rieb ihrer Schwester die steifgefrorenen Händchen, knotete dem Winzling das dünne Tuch wieder fest unter dem Kinn.

Dies betrachtete die Mutter für eine ganze Weile, aber sagte kein einziges Wort. Die Älteste, auch die beobachtete ihre Mutter aus den Augenwinkeln genau. Der Wind von der See pfiff und heulte. Das hörte man aber nur, wenn man selbst zu sprechen begann und gegen den Sturm anschreien mußte. So wie Melissa eben. Ihre Mutter sah nicht einmal auf, tat, als ob sie nichts hörte.

Mit einem großen Schritt war da Melissa bei ihrer Mutter, bückte sich hinunter zu ihr und rief ihr ins Ohr: Ich wünschte, wir wären tot! Alle miteinander! - Und bevor sich die Mutter noch ans Herz fassen konnte, da lief die Älteste von ihr fort und stieß im Laufen den Schneckenkorb um und rannte immer an der grauen Wasserlinie entlang, vom Wind getrieben, von großen Seevögeln verfolgt, bis sie verschwand in der diesigen Ferne. Und verschwunden blieb.

Da, wo der Apfelbaum stand, trieben zwei Schößlinge aus. Es schien, als wollten die dünnen Stecken diesen und die folgenden strengen Winter nicht überstehen. Doch die Frau und der Winzling legten Stroh um die jungen Triebe, hegten und pflegten sie sorgsam. Auch die Kleinste wuchs mählich heran. Die beiden Apfelbäume trugen Jahr um Jahr Früchte. Wenn sie abends auf der Bank vor der Hütte saßen, Mutter und Tochter, wortlos, da legte die Kleine vieleicht einen Schal um die Alte.

Einmal, da sagte der Winzling: So spät noch ein Wagen. Ein großer, vom Wald her. Die Alte saß steif. Die Kutsche rollte so leicht den Hügel hinauf. Eine glockenhelle Stimme rief aus: Die Mutter! - Und auch der Winzling! Wie bist Du gewachsen, so tönte die zweite. Den drei Schwestern lief das Herz über vor Glück. Sie standen vor der Mutter, eng umschlungen, die jüngste in der Mitte. Ein Strom näßte das Antlitz der Alten. Mit aller Kraft sah sie auf, stand auf, öffnete weit ihre Arme. Mein Herzenswunsch, meine Kinder, stammelte die Frau. Und sah ihre drei Töchter.

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(Nortford, CT und San Francisco, CA; 9.8.1998)
© 1999 Gerhard Winkler (Text) Johanna Voss (Illustrationen)

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