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Als Tam Lin erwachte, war es blauer Tag. Neben ihm im Gras lag sein Rad. Der Wind pfiff durch die Speichen, frischte plötzlich auf, trieb ein surrendes Rad zum freien Lauf an.

Der Junge blickte an sich hinunter. An Hemd und Hose klebten Gräser. Tauperlen glänzten immer noch auf einzelnen Haaren. Die Knie vor allem waren aufgeschürft; seine Kleidung schien aber ganz unbefleckt zu sein.

Jetzt merkte er jedoch, wie ihm alle Glieder schmerzten, wie ihm die Zunge als ein dicker, lehmiger Kloß den Mund verschloss.

In dieser Stunde legte Tam Lin keinen großen Wert darauf, zu den Lebenden gezählt zu werden. Dennoch, so dachte er erstaunt, dennoch würde er sich nicht aufgeben wollen.

In seinem Rucksack musste die rote Wasserflasche stecken. Als er trinkend den Kopf in den Nacken legte und die Augen weit öffnete, da sah er über sich im Geäst eines Baumes ein Vogelpaar. Dohlen vielleicht. Ihm war, als ob das Pärchen ihn schon länger betrachtet hatte. Bewacht vielleicht? Sitzung gehalten, ein Urteil gefällt über ihn?

„Unendlich hin zerstreut das Lebende", bemerkte der erste Vogel.

„Und wie es sich sammelt, fällt‘s prompt in den Graben", ergänzte der zweite.

Tam Lin befand, dieser Rede Sinn war nicht für ihn gedacht. Aufseufzend zog er den Rucksack näher, kramte darin, untersuchte, ob sich da irgend etwas Essbares fand.

„Ein Kluger, der sich fortwährend ablenkt, sich ohne Unterlass betäubt. Nur wer sich zerstreut, lebt so recht im eigentlich Schönen."

„Ganz falsch. Ein Kluger, der sich alle Mühsal der Welt auflädt. Der sein Tagwerk bis in die dunkle Nacht verlängert. Der nicht weiter blicken mag als bis zum nächsten Arbeitsgang. Und dann wieder zum nächsten."

Dies schien der erste Vogel nicht gern zu hören. Schnell pickte er dem anderen in's Gefieder, in's Bein. Der trippelte den Ast entlang, spreizte die Flügel.

Während dem fand Tam Lin einen Apfel. Die Frucht war unregelmäßig geformt. Ausbuchtungen schimmerten wie kleine Bäckchen. Kleine Höcker umsäumten den Trichter rund um den leichthin geschwungenen Stiel. Rote Äderchen zogen sich durchs helle Grün, liefen zusammen, spielten ins Bräunliche, ins Gelbe.

Die beiden Vögel plapperten weiter.

„Wenn aber stirbt alsdenn, ..."

„... an dem am meisten die Schönheit hing ..."

Die Dohlen verstummten. Tam Lin aber war aufmerksam geworden.

„Was passiert dann? Sagt rasch; ich muss es wissen!" rief er.

Die schwarzen Vögel ruckten die Köpfe, blieben aber sonst stumm.

Tam Lin sprang auf, ballte ohnmächtig die Fäuste. Und er erkannte mit einem Mal:

„Das Schöne mildert sich nicht; es mag wie alles vergehen, doch in mir wird es bleiben. Bis an mein Ende. Immer gleich klar und scharf."

Die Dohlen flogen krächzend auf und davon.

Tam Lin aber hatte schon selbst den Rucksack gepackt, sein Rad aufgenommen, war zur Straße geflohen und schnell aufgestiegen.

Scham ist ja nichts als eine andere Form von Trauer. Und Flucht? Sie gibt dem Trauernden immerhin eine Richtung. Bring so viele Meilen hinter dich, wie du kannst, Tam Lin. Du nimmst doch überall mit, was dich ausmacht. Du nimmst dein Herz mit.




Im nächsten Ort lebte eine Schicksalsmacherin. Sie betrieb ihr Geschäft unter einem Vordach, gerade gegenüber dem Eingang zum Tempel. Auf einem Schemel saß sie; das Schreibpult ruhte schräg auf den Knien. Tam Lin wartete, bis er an die Reihe kam. Die Menschen vor ihm sahen nicht glücklicher oder unglücklicher aus, nicht gescheiter oder dümmer, nicht sauberer oder schmutziger als er selbst.

„Schreib mir mein Los auf", bat Tam Lin ernst. Die Schicksalskundige schaute gar nicht erst hoch, sondern beschrieb und stempelte sogleich einen Streifen Papier.

„Merk dir, die Zukunft ist keine Welle, die sich in der Gegenwart bricht. Die Zeit ist ein langer Text. Egal, wer ihn liest, er wird gelesen. Das macht zehn Pfennige."

Der Papierstreifen flatterte im Wind. Tam Lin suchte nach einer ruhigen Ecke. So wanderte er in die Tempelanlage hinein und erst als er allein war, in einer Laube, fand er Gelegenheit und Mut, sein Schicksal in die Hand zu nehmen und die Inschrift zu lesen.

Auf dem Zettel stand aber nichts als dieser eine Satz: „Und es grünen tief an den Bergen auch lebendige Bilder."

Tam Lin stampfte enttäuscht mit dem Fuß auf. So ein Unsinn! Genug hatte er von all diesen Schimären. Sein Herz ließen sie still stehen. Vor Sehnsucht sterben ließen sie ihn.

Was half ihm seine Einsicht in die Nichtigkeit seiner Liebe? Wenige Stunden, nachdem er das Schönste überhaupt in sich aufgenommen, in sich geborgen hatte, da hatte er unvermittelt das Roheste begangen, was er sich vorstellen konnte.

Wütend über die Welt oder über sich selbst, stapfte er übers Gras, einen hohen Hügel hinauf. Dort oben stand er sodann, blickte auf den Garten, über den Tempel, über das Dorf jenseits der Mauer.

Etwas zog ihm den Kopf in den Nacken, zwang ihn, die Augen gegen die Sonne zu öffnen. Er kniff die Augen zusammen, schirmte sie mit der flachen Hand ab. Durch den Dunst verfolgten sich zwei Schwalben, schossen steil auf und nieder. Einige Terrassenstufen tiefer lag das Tal, ein Gewebe aus grün und silbrig glitzernden Feldern. Weit unten, auf der Straße, schoben sich winzige Radfahrer unmerklich langsam heran. Irgendwo unten im Dorf brannte ein Feuer. Mit der Rauchsäule spielte der Wind, formte einen Bogen, zupfte und zog ihn landeinwärts.

Im Hintergrund wuchs ein Kegel aus der Ebene. Und wenn man sich nur ein wenig zur Seite drehte, kam schon der Flußarm, die Stadt, dann das offene Meer.

Ohne zu zögern eilt Tam Lin zurück zum Vorplatz, packt noch einmal sein Rad, schwingt sich auf, saust aus dem Dorf, nimmt die lange, endlos lange Abfahrt hinunter ins Tal. Steigt in die Pedale, radelt ohne Pause, bis er die Stadt, seine Straße, sein Zimmer erreicht. Im Wohnzimmer aber wartet Mankin, wirft sich ihm in die Arme, schluchzt, gesteht ihre Sorge. Spricht von Liebe. Die Welt geht falsch, denkt sich Tam Lin.

Oder es ist ganz anders. Unter einem Maulbeerbaum, immer noch im Dorf, sitzt er gemütlich, malt sein Bild auf weiches Papier. Erfreut sich am Schattenspiel über den Unebenheiten der geweißelten Mauer. Erfreut sich ebenso am Verlauf der dünnflüssigen Tusche. Das betrachtet wiederum ein Pilger, ein Kunsthändler aus Petaluma. Ob Tam Lin nicht mitkommen möchte, reiche Auftraggeber warten dort, in der Hauptstadt der westlichen Provinz.

Die Zukunft wird immerfort gelesen werden, ganz gleich von wem. Das Leben geht jedenfalls weiter. Tam Lin verfolgt seinen Auszug aus dem unendlichen Text. Für sich allein; wie gewohnt. Mag sich die Schrift Zeile um Zeile umbrechen, bis uns Lesern mit dem Atem die Worte ausgehn. Noch ist es an Tam Lin, den Finger langsam entlang seiner Geschichte zu führen. Mal still, mal flüsternd, mal mit lauter Stimme zu entziffern, was ansteht.

Eben kam der Kunsthändler noch einmal zurück, hat sein Angebot erhöht. Ginge Tam Lin tatsächlich nach Petaluma, es wäre Moon ziemlich gleich.Tam Lin wundert sich. Er fühlt sich schuldig gegenüber Moon, die doch höchst zufrieden ist, gerade so, wie die Dinge stehn. Viel weniger Schuldgefühl bringt Tam Lin auf für das Opfer seines nächtlichen Zorns.

Darüber muss er nachdenken. Er könnte seinen Freunden berichten, doch mit welchen Worten? Lieber schreibt er, leise vor sich hin summend, sein Geschick in den Wind.

Und genau auf diese Weise erfahrt ihr von Tam Lin. Schließt die Augen, spürt den Wind auf eurer Stirn. Hört das Summen der Räder.


[Finning, 10. 3. 2000]
© 2000 Gerhard Winkler

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Foto © 2000 Johanna Holldack
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