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Zwischen den Welten trieb eine Stadt im Wasser. Eine Dschunke kam aus dem weißblauen Dunst, schob ihr Drachensegel vor sich her. Mühelos schwebte sie ein, nur die Banner knatterten lustig im Wind. Der Segler schlug elegant einen Bogen, schlüpfte an den Kränen vorbei, an den Lagerhallen, tupfte flüchtige Schatten auf Mauern und Hauswände.

Hoch über den Straßen die Stadtgötter. Sie tanzten, schlängelten sich auf so vielen Bannern, wie die Stadt an Jahren zählte. In den Farben von Wolken und See kleinere Wimpel; Papiergirlanden drehten sich mit dem Wind. In Weiß und Blau gekleidet, Blusen aus Seide und Hosen aus feinstem Nanking, die vielen Menschen. Alle strebten zum Fluß, zu den Zelten am Ufer, zu den Feierlichkeiten. Ein Feuerwerk sollte es abends geben. Doch bis dahin hatte man Zeit, konnte man getrost verweilen und schauen. Auch Tam Lin, eben vom Fahrrad abgestiegen. Eine Hand liegt auf dem Lenker, die andere auf dem Sattel, so steht er da, als er arglos aufblickt.

Da kam Moon die Straße herunter. Schwarze Zöpfe, flüchtig wie zwei Schwalben, die sich jagen. Der Hals, so bloß und so weiß. Das Muskelspiel ihrer Arme. Ihr anmutiger Leib, ein Bogen über dem tiefschwarzen Rahmen. Im Fahrtwind züngelte ihre Bluse, immer den langen Rücken entlang. Gelbe Flammen schlugen aus ihr. Es gab nichts Schöneres zu sehn auf der Welt.

Doch das Schöne, ihr wisst es, ist nichts als des Schrecklichen Anfang. Tam Lin rief und gegen alle Hoffnung wendete das Mädchen.

„Tam Lin. Ich will ein Stück Weg mit dir gehen."

Die schwarzen Räder bildeten ein Paar zwischen den beiden. Umsichtig vermied das Mädchen, dass sich die Lenkstangen berührten, oder gar ineinander verhakten. Tam Lin dachte: „So sehr suche ich nach dem Maß aller Dinge. Nach dem, was mein Herz rührt wie kein anderes. So leicht, so gerade schreitest du neben mir. Und wie stolz du den Kopf zurückwirfst. Jetzt lächelst du. Das Leben ist vielleicht doch sehr schön."

„Was denkst du, Tam Lin", fragte das Mädchen und las es gleich in seinen Augen ab.

„Vergib mir, Moon. Verzeih mir, was ich gleich sagen werde. Ich denke, dass du das Schönste bist, was ich auf Erden je zu sehen vermag."

Moon antwortete nicht. Da vorn warteten schon die Freundinnen. Biba mit den lustig geflochtenen Zöpfen. Mankin, sie schaute bedenklich. Ob Tam Lin sich ihnen etwa anschließen wollte?

Doch aller Mut hatte ihn schon verlassen. Er spürte, er wusste, mehr als dieses kurze Stück Weg wollte Moon nicht mit ihm teilen. So verabschiedete er sich bald, wandte sich tapfer um, blieb aber gleich wieder stehen. Verfolgte gespannt, wie die drei Mädchen in ihre Räder stiegen, sich auf die Sättel schwangen, sich kunstvoll durch die Menge schlängelten, in ihr verschwanden. Und darüber vergaß Tam Lin, selbst auf sein Fahrrad zu steigen.

Wohin sollte er sich wenden? Es fiel ihm nicht wieder ein.

Trauben von Menschen kamen ihm entgegen. Decken unter dem Arm, Körbe auf dem Rücken, die Hutbänder flatterten fröhlich im Wind.

Oben am Himmel jagten die Wolken, als Tam Lin in immer schmalere Gassen abbog, als er weit ab von dem ihm bekannten Teil der Stadt kam. Immer vernachlässigter, staubiger wurde der Weg. Der Wind trieb ihm Tränen in die Augen. Blindlings stolperte er weiter, bis ihm einfiel, dass er ja sein Rad mit sich führte.

Wie er sich auf den Sattel schwang, sah er Moon vor sich. Ihr leichtes, ins Schwerelose spielendes Auftreten. Seidene Flämmchen züngelten an dem Mädchen entlang, umspielten ihren Rücken. Alles Unbenannte in Tam Lin fand an diesem Nachmittag einen Namen.

„Ich habe das Schöne erfahren. Ich weiß jetzt, was Liebe bedeutet. Ich weiß nur nicht, wie ich das eben aushalten soll."

Aufgehoben zu sein im Anblick des Schönen, das wünscht sich von nun an Tam Lin. Versöhnt mit der Welt; doch statt Einklang findet er Mangel, Verlust und Versagen.

Tam Lin ahnt, an der schönen Moon wird er alle Liebe, jedes Begehren seines Lebens messen. Doch wir halten fest: In‘s Schöne müssen Fehler eingeschlossen sein. Wie Blasen in der Glasur einer Vase. Wie Ausschüsse im Gewebe eines Teppichs. Das Reine, von keinem Makel Getrübte, es macht Tam Lin, es macht uns alle so mutlos wie blind.

Blind für die Welt, mit von Staub und Tränen geröteten Augen eilte Tam Lin also fort von jenem Krokodil zwischen den Wassern. Denn in nichts anderes hatte sich die Stadt an jenem Nachmittag verwandelt als in ein kaltes, gefräßiges, seine Seele zernagendes Tier.




Am fernen Himmel stiegen Raketen auf, entleerten ihre glitzernde Fracht. Im roten Widerschein zuckte das Gewässer. Die große Stadt stieg auf, begann zwischen Himmel und Wasser zu schweben. Tam Lin bemerkte dies nicht. Er war ins Halbdunkel eines schmalen Wegs eingedrungen. Der verlief neben der großen Straße, war uneben, voller Steine und Pfützen. Nur von Zeit zu Zeit wies ein gelblicher Schein auf die Fortsetzung hin.

Dennoch sah Tam Lin die nachtschwarze Gestalt sich aus den Schatten lösen, sah, wie sie ihm entgegen schnürte, immer näher, mit hoch erhobenem Arm. Etwas Metallisches schimmerte auf, wurde wieder aufgesogen von der Nacht, kaum sichtbar als rötlicher Schatten.

„Halt Abstand!" rief der Junge und schob schnell das Rad zwischen sich und dem Angreifer.

Dieser stoppte. Vielleicht tat er das; vor der grauen Leinwand des Brachlands ließ es sich nicht so recht ausmachen. Ein Rauschen, ein Dämmerschein. Es zog den schwarzen Mann seitwärts, als suchte er nach einem günstigen Platz, um endlich loszustürmen, loszuschlagen.

„Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen?" flüsterte die dunkle Gestalt.

„Und wo den Sonnenschein?" Der Singsang wurde lauter. „Recht kalt soll es dir werden, erstarren sollst du, wenn der geschmetterte Stahl erst in deinem Blut liegt."

„Du Dummkopf", erwiderte Tam Lin. „Hast du denn nicht erfahren, was kostbarer ist als Blumen und Sonnenschein? Was dich trauriger macht als der nahende Tod?"

Der schwarze Mann pirschte sich weiter stumm an, geduckt wie eine Katze.

„Verrate mir, dunkler Geselle", flüsterte Tam Lin in die Nacht. „Was bleibt vom Leben, wenn doch mein Mond abnehmen wird und gänzlich verschwinden und ich ihn nie, nie mehr einholen kann?"

Als Antwort erhob der Nachtmann den Arm; in seiner Faust eine glimmernde Ahnung von blankem Metall.

Da nahm schließlich Tam Lin das Rad auf, warf es dem Mörder vor die Füße. Rannte selber los, stolperte, schlitterte am Boden entlang. Fand um sich tastend, um sich greifend einen Stein.

Er drehte sich flink, ging in die Hocke. Der Mörder keuchte nachtblind an ihm vorbei. Tam Lin schnellte auf, heftete sich dicht an den Schatten, holte im Laufen weit aus und schlug den Kiesel mit aller Kraft auf das Ohr seines Feindes.

Dieser stolperte nun, stürzte mit einem Seufzer, das Messer fiel klappernd zu Boden. Tam Lin aber warf sich auf den Wehrlosen, holte immer wieder aus, hielt den Stein wie einen Keil, schlug und schlug wieder, schrie und hämmerte alles Leben aus seinem Gegner.

Es liegt ganz in uns, wer wir sind und es liegt ganz und gar nicht an uns. Tam Lin lässt schließlich ab, weicht auf allen Vieren zurück. Eine lange Zeit kniet er da, geht er atemlos ein in die Nacht, bis ein gelber Finger über den Weg, die stummen Körper, über Rahmen und Speichen seines Fahrrads läuft. Tam Lin richtet sich auf, wirft den Stein achtlos fort, sucht und findet sein Gefährt, prüft, ob die Kette noch frei läuft, ob sich die Räder noch drehen. Er schultert es, stolpert wie toll durch einen feuchten Graben, arbeitet sich mühsam hinauf auf die Straße.

Dort radelt er in die Finsternis. Kommt viel weiter, als er eigentlich kann. Den nächsten Weiler passiert er. Im nächsten Dorf dann bremst er scharf ab, sucht den Brunnen, wäscht sich notdürftig. Gelbe Hunde umkreisen ihn, jaulen leise. Andere wiederum, ein paar Streuner oder Nachtschwärmer, sie lösen sich von einer Gasthaustür. Unsicher, so wie man sich von einem Schiff abstößt. Sie rudern, torkeln über die Straße ohne einen einzigen Blick für Tam Lin.


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