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Janet geht in den Wald

Da weht der Wind ein Blatt zum anderen, legt beide übereinander, bringt sie zum Tanzen und wirbelt das obere gleich wieder fort. Das untere will aber nach und zusammen jagen sie über den Hof.

Janet wird in den Wald gehen. Weil sich draußen die Blätter schon so rot verfärben. Weil bald die Zeit kommt, wo man sowieso nur noch im grauen Haus bleiben wird, möglichst dicht am Kamin, möglichst weit ab von der Mutter. Weil es heute nicht geregnet hat. (So wie gestern und die Tage zuvor.)

Und weil sie gerade jetzt an sich herunter sieht und sachte schnaubend nachdenkt, folgen wir ihrem Blick. Und bemerken ein farnfarbenes Kleid. Darüber ein Überwurf von der zarten Farbe jungen Sauerampfers. Janets Knie schimmern weiß, doch die etwas dickeren wollenen Strümpfe, die treffen den vertrauten Ton feucht gewordener Schafswolle.

Immer noch nicht, bis zum heutigen Tag jedenfalls, hat Fortuna die Königstochter mit ihrem Zauberstab berührt. Hat sie immer noch nicht in eine jener mageren Zicken verwandelt, die sich die Eltern wünschen, von denen die Barden augenrollend und in gewundenen Stanzen singen.

Sehr gut. Sie seufzt laut, zuckt die Achseln. (Zuckt vernehmlich die Achseln.) Wenn man es nicht allen recht tut, soll man es doch sich selber recht machen. Und so, wie sie ist, wird sie bleiben. (Ob man sich ändert wie die Jahreszeiten und immer mal wieder die sein wird, die man mal war?)

Ob sie jetzt gerade in einem Herbst ist?

Janet geht also in den Wald. Nicht ohne vorher ein Säckchen mit Wegzehrung zu füllen. Nicht ohne einen langen, festen Stock in den Händen zu wiegen. Nicht ohne in der Halle zu verkünden, dass sie ohn’ Umschweif in den Alten Wald aufzubrechen gedenke. Und zwar allein.

Wer immer unter dem dunklen Eichengebälk gerade geschäftlich zu tun hat, sich aufwärmt, Freunde trifft oder sonstwie verkehrt, kurzum, die edlen Herren des Landstrichs, sie unterbrechen, was sie tun und geben lauthals guten Rat. Den ergänzt jeder Unfreie im Raum mit seiner geringen Meinung. Es ist eine Freude, denkt Janet, in Zeiten zu leben, in denen gerade so viel passiert, dass das Volk nicht den Überblick verliert. Den Überblick über Wandel und Pläne junger Frauen vom Stande, zum Beispiel.

"Janet. Wandert besser nicht durch den Wald. Doch wenn Ihr durchaus meint, Euch da hin gehend zu involvieren, zieht dazu kein grünes Gewand an. Und wenn Ihr mit sicherer Bestimmtheit im grünen Kleid durch den Wald streifen müsst, so meidet das Haus Carterhaugh. Dies raten wir ernstlich."

Nach Carterhaugh geht man nicht. Solange schon nicht, dass man gar nicht mehr genau weiß, ob es noch da ist. Das Haus gehört den Schweigsamen Leuten. Die verzaubern einen wortlos, geschwind und unfehlbar.

Dort in Carterhaugh haust der Verwalter Tam Lin. Der verlangt von fehlgeleiteten Spaziergängerinnen allerhand. Einen Ring, einen grünen Umhang sowie (je nach Laune und Witterung) ziemlich Unsagbares.

Bei letzterem Punkt prusten die Leute, tun sehr empört, reden vielsagend mit den Händen und schließen Janet aus.

Sei‘s drum. Janet muss durchaus in den Alten Wald. Der Vater schüttelt das aufglänzende Haupt. Die Mutter schnappt still nach Luft. Ein Aufruhr, ein Hundegebell. So ist das, wenn jemand das Herrenhaus betritt oder verlässt. Die Meute jagt über die Wiese, kreist um Janet. Doch am Dorfrand halten die Kläffer inne, warten ab. Lassen die junge Dame ganz allein aus dem Kreis der sicheren Welt. Und nach und nach trotten sie wieder zurück, jagen sich unterwegs, jaulen vor dem Portal von Chester Hall.









Janet auf Carterhaugh

Immer tiefer glitt sie hinein; welche Lust, sich zu verlieren! Anfangs schwieg der Alte Wald. Dafür rauschte ihr Blut, pochte es laut in den Schläfen, ihre Seufzer dröhnten im Ohr, wann immer sie ihren Atem ausstieß. Da gab der Wald Janet Antwort. Ein Quaken dort drüben, ein Aufrauschen hoch im Geäst, gedämpfte Laute, die sich zwischen Dunstfetzen verfingen und hielten.

Das sah wie eine Hecke aus, das dort wie ein Portal, das hier konnte kein Weg sein. Am Ende – doch da kam zuerst eine Biegung – am Ende der schwere Mantel aus Efeu. Er lag da und wucherte und schlang sich um ein Gebäude. Fenster wie matte Augen. Die Längswand eine hohle Wange. Der Eingang ein zerbrochener Mund. Wer sollte da noch drin wohnen!

Eins ging hier ins andere über. Noch war dies ein Garten, zugleich aber schon ungezähmte Natur. Rasch in die Mitte, zum Rosenbusch hin: Er stand wie erhöht, inmitten des dampfenden Grüns. Um ihn aufzusuchen umging sie wucherndes Gebüsch und liegengelassenes Gerät, stieg sie über verborgene Mäuerchen, achtete sie auf Einfassungen und andere Hindernisse. Auf allerlei stieß sie, das sich ihr in den Weg legte oder vor ihr davonstieb oder ihr plötzlich entgegenpeitschte.

Sie musste einen der Rosenzweige brechen. Es blieb ihr in diesem ihrem einzigen Leben keine andere Wahl.

Aus dem Schatten eine Stimme. Janet erschrak nicht einmal. Tam Lin trat in's Licht, stellte sich vor. Was er sagte, verstand sie nicht. Es waren Worte. Und dazwischen Pausen.

Und als wäre Tam Lins Rede nichts als ein schnelles Spiel von kleinen silbernen Hämmerchen, da schlug etwas fortwährend und flink in ihr an. Inwendig, (es gab also ein Innen, und das hatte Wände) genau unterhalb ihres Herzens spürte Janet einen Ton.

Und sie wollte nichts lieber sein als der Raum, in dem dieser warme Ton hallte und sie war zugleich der Körper, der Tam Lins Melodie aufnahm, verstärkte, aushielt und endlich zurückgab.

Von was in aller Welt sprach da Tam Lin? Gott oder sonst eine Eingebung verhalf ihr zur richtigen Antwort.

"Willkommen im Garten von Carterhaugh. Ich muss wohl nicht fürchten, Sie wären mit Recht und Brauchtum nicht vollkommen vertraut."

"In mir läutet es Sturm. Ich bin beschämt und verwirrt und sprachlos und vermutlich atme ich schwer."

"Doch ich vergaß, mich vorzustellen: Tam Lin. Verwalter des sichtbaren Teils dieser schweigenden Welt. Lassen Sie uns doch aus dem Schatten treten …"

"Ich muss auf der Stelle umfangen werden, festgehalten, womöglich gegürtet. Wer hält mich fest, Tam Lin, wer begrenzt mich? Ich verhalle ungehört in der Welt …"

"… es muß Sie frösteln, erhitzt wie Sie sein mögen nach dem langen Spaziergang."

"… oder mich zersprengt noch diese Begegnung, dies Glück. Tam Lin, ob Sie mich herzlich lieben oder nicht …"

"Stets viel zu viel und stets zu wenig: Seltsam. Wie komme ich nur darauf? Sie müssen die Dame Janet sein. Berichten Sie von Chester Hall!"

" … ob Sie mir zugetan sind oder nicht …"

"Aber liebste Janet, mir ist es verwehrt und verboten zu lieben."

"Einerlei. Sie werden ein Gastgeschenk fordern, Tam Lin. So ist es auf Carterhaugh Brauch."

"Hab keine Angst. Nur einen Ring. Einen grünen Mantel. Das Schweigsame Volk, dem ich diene, es erwartet eine Gabe, einen Tribut."

"Ich kann meinen Ring, meinen Mantel nicht geben. Fordern Sie weiter."

Was konnte sie meinen? Tam Lin formte die Lippen, setzte an.

Doch etwas Unsagbares verband schon Janet und Tam Lin, und weil man das, was stärker ist als Worte, weil man das schweigend zwischen sich stehen lassen kann, so hörten sie eben beide zugleich auf zu sprechen.

Das heißt, Janet seufzte und brummte. Ob zu viel oder zu wenig, wer weiß.





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