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Du steigst auf, schaust dich um. Ein Netz von Wegen. Rostrote Dächer. Das Feld dort im beißenden Gelb. Dann ein grünes Einerlei. Absehbar, einsehbar folgt Fläche auf Fläche. Was soll sich hier schon verlaufen. Selbst die Teiche: sorgfältig gezogene Karrees, eingebettet in schmale Bordüren aus Gehölz und Gestrüpp. Und hier hausten Moorgeister? Du willst es ja glauben. Willst durchaus in’s Träumen geraten. Du willst dich verlieren; vergeblich.

Kein alter Wald mehr. Kein Bachlauf, kein sich schlängelnder Weg. Dieser Landstrich, eine glatte Tafel. Alle paar Jahre: Schwamm drüber, Spuren verwischt. Und dann neu beschrieben. Geradlinig, mit klarer Buchhalterschrift. Eine Gegend, die sich allemal rechnet.

Du steigst ab, schüttelst den Kopf.

"Erstaunlich, doch von hier stammt Tam Lin." Sagt einer. Woher der Mann zu uns tritt, das ist dir und uns entgangen.

Wie will er das wissen? Seine Hand weist zum Dorfrand. Doch jetzt erklärt er, das Lied von Tam Lin sei fast zeitgleich hier und da aufgetaucht, an verschiedensten Plätzen im Land. Sogar dort unten in Kircudbright. Und im ewig windigen Buchan.

Tam Lin: immer die selbe Weise, aber jeder Ort spielte sie ein klein wenig anders. Eine Version, früh aufgeschrieben, sparte nicht an drastischen Bildern. Später war man dafür zu empfindsam. Für Leute, die gern auf hartem Holz knien, siedelte die Handlung viel zu dicht am heidnischen Wald. Lag viel zu fern jeder erbaulichen Absicht.

Arnulf von Mugham warf 1455 eine ganze Sammlung von unheiligen Legenden ins Feuer, darunter auch Tam Lin. Als schwerer Regen den Scheiterhaufen vorzeitig löschte, stampften die Mönche wie üblich alle Kodizes und Folianten in den Grund. Das Lied überlebte. Kam von Dorf zu Dorf und flog weit über die Zeiten.

"Zum Erfolg hat’s ja nicht viel gebraucht. Ein wenig verwunschenes Grün in Sichtweite der Hörer.”

Der dunkle Mann, wollen wir wetten, könnte noch stundenlang ausholen. Typischer Volkskundler. Zersaust das Haar, kariert das Hemd. Warum diese Sorte Wissenschaftler immer so wirkt, als bedeute Wissenschaft nichts als Entsagung. Solche Quellen sprudeln ja ungefragt weiter. Manche Leute wandern umher, lesen auf, was andere übersehen. Und reden uns das Gerade noch krumm.

Wandert er in die selbe Richtung wie wir? Er zeigt schon wieder ins Ungefähre. Tut so, als müsse er bald wieder fort. Doch verfolgst du, wohin der Mann schaut, endet der Weg ziemlich bald. In einem Beerengestrüpp, vor einer Baumlinie, vor dem zitternden Wall eines Maisfelds.

Eine ganz und gar ausgewrungene Landschaft.

Als ob man daraus alles abgetragen hat, was sie für Gäste irgendwie reizvoll, für Bewohner halbwegs lebenswert macht.

Du bietest dem Geschichtenerzähler Proviant an. Von den guten Salzschiffchen. Erkundigst dich nach dem Hergang der Legende. Der Mann zieht seufzend den Stoffbeutel an sich, gibt ihn nicht wieder her. Pickt mit der angefeuchteten Fingerkuppe Salz auf und schwarzes Gewürz. Mehr davon wäre besser gewesen, bedeutet sein Nicken. Und die Flasche reichen kannst du - aber doch nicht vom Wasser! Und stillhalten, zuhören, das sollst du auch. Wie wir alle.

"Die Sache galt als ziemlich wahr”, behauptet der Dunkeläugige. "Sonst hätte sie ja keiner hören wollen. In jener Zeit jedenfalls. Ob ich sie noch zusammenbringe? Schauen wir mal.”

Und während du überlegst, ob du dir von deinen selbstgebackenen Salzteilchen nehmen darfst. Eines zumindest deinem Gast wegstehlen. Ob die übrigen Stücke noch deine eigenen sind oder allesamt in Besitz des Erzählers übergegangen. Ob eine Art unausgesprochener Schenkung stattgefunden hat. Während dir all dies durch den Kopf geht. Da hörst du schon zu.








Die wahre Geschichte von Tam Lin

Es fiel und stieg und fiel wieder ein Vogel. Und flog über Janet, die das wohl bemerkte.

Wer war Janet? Das antwortet sich leicht: Sie war die Tochter des Lehnsherrn. Und wie war sie noch gleich? ‘Oh’, sagten alle. Auch die, die sie nicht kannten. ‘Oh, diese Janet. Stets zu viel oder zu wenig.’

Zu viel ist zu viel, sagten die Leute. Zu dick das Haar. Zu grün das Gewand. Zu kraftvoll die Arme, und viel zu dick sicher die Waden. (Vielleicht aber auch nicht.) Ein Dickschädel und Grashalmköpfer und Steinefortkicker. Und eine, die nur so vor sich hin grummelte und seufzte. Ohn‘ Unterlass, so kam es einem vor. Am schlimmsten, wenn sie hinter einem her ging, in einem sonst stillen Flur.

Aber meist sprang sie ja an einem vorbei. Nicht geräuschlos zwar, aber kraftvoll.

Das einzige Kind, mein eigen Geblüt. Stakst und schnaubt durch die Welt wie ein störrisches Pony. (Dachte der Vater.) Und das in einem Reich, von dessen Prinzen und Barden man sprach als edle Birkenreisige, hauchdünne Glaskelche, biegsame Gerten und stille Wasser. (Und sowieso als ausgehungerte Falken.)

Und wovon so wenig? Ach ja, so wenig. So wenig an Einsicht, an Haltung, an Fügung. Soll man noch deutlicher werden? Nichts davon war da! Von Tugend und Würde war da keine Spur. Oder doch nicht mehr, als zwischen Daumen und Zeigefinger passt. Manche fanden, dies sei wenigstens etwas: ein Anfang, ein Anlass zur Hoffnung. Und andere sagten, der Anlass schlägt ein Buch auf, die Hoffnung blättert es weiter und die Mäuse nagen es auf.

Darum, weil Janet eben so war und kein bisschen anders, fiel dem Vater bereits vor Gram das Haupthaar aus. Hierhin reiten und dahin jagen. Die Edlen des Landes auf hehre Ziele einschwören. Alle vier bis fünf Grenzen des Gebiets schützen. Dafür zu sorgen, dass jedermann satt wurde. Selbst die Tochter mit ihren immer hungrigen Augen. All dies leistete er zwar, der Herr von Chester Hall, doch eigentlich nur noch aus Pflichtgefühl und Raison.

Über alles musste er sich ärgern.

Und die Mutter, die Feinsinnige. Janets Mutter. Als erste im Reich hatte sie ihr wildes Haar gebändigt und in ein Netz gebunden. Was dachte sie über Janet, ihr seltsames Kind , die künftige Erbin? Schwer zu sagen. Die Mutter thronte tagein, tagaus auf dem Stuhl. Still, steif, bis ans Herz angefroren. Wer hörte je ihren Atem? Noch nicht einmal der Pfarrer im Beichtstuhl. Noch nicht einmal der Tod, der doch nach Atemzügen lauscht.

Manchmal tauchte Lady Chester auf wie ein Fisch aus dem Wasser, schnappte lautlos nach Luft und suchte mit kalten Augen die Halle ab nach irgendeinem einem Missgeschick oder nach ihrer Tochter.

"Janet, meine Liebe.Geh nicht in den Wald. Und wenn du doch in den Wald musst, zieh kein grünes Gewand an. Und wenn du doch grün gekleidet durch den Wald streifst, geh nicht den ganzen Weg bis Carterhaugh."

Janet hielt inne, atmete schwer, seufzte und murmelte vor sich hin. Und hätte sie nicht die Beine fest in den Boden gestemmt, die Arme verschränkt, die dunklen Brauen über den Augen zusammengezogen, die Lippen zu einer schmalen Linie verschlossen, sie hätte bestimmt ein zwar nicht stilles, aber überzeugendes Beispiel abgegeben. An Einsicht und an edlem Gehorsam.

Oder wofür sonst?

Janet fasste halblaut zusammen: "Nicht in den Wald. Nicht in Grün. Nach Carterhaugh schon gar nicht. ich merke: Wer stets verneint, der muss nie weit gehn in der Welt.”

Janet trat ans Fenster. Vor Chester Hall, rund um den Anger, stellten einige Hütten das Glanzvollste dar, was dieser Landstrich an christlicher Besiedlung aufbieten konnte. Gleich danach ein paar traurige Felder. Seltsame Inseln der Gleichartigkeit; kümmerliche Gegenbeweise inmitten Gottes Lehre und Ausführung vom natürlichen Übergang der Dinge.

Dann stand schon als hohe Mauer der Wald.




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