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Er war ja noch so klein und hatte so sehr Fieber. So hoch war es schon, daß es gar keinen Platz mehr in ihm hatte. Dabei lag er ganz still, um sich auf keinen Fall zu überhitzen. Bei 42 Grad, das wußte ein jeder, da liefen Kinder im Nu tomatenrot an. So einfach war das. Und man verglühte innerlich.

Vielleicht sternschnuppengleich? Dann hätte er davon schon gehört. Wahrscheinlich ging das nach und nach. So, wie wenn man dieses Bein etwas anhob und es langsam weiter und weiter, über den Bettrand, über die unwiderrufliche Grenze hinaus bewegte in ein kühleres Nichts. Da drüben schimmerte schon ein blau-weißer, frostiger Himmel. Hier trampelten ständig Leute ins Zimmer und taten so, als wären sie ganz leise und vorsichtig.

Die Tante wollten ihm die Temperatur nicht verraten, legten aber unaufhörlich kalte Fußwickel um. Die Mutter brachte einen Pudding, der angeblich gut schmeckte. Der Hausarzt ließ sich auf kein Gespräch unter Fachmännern ein. Nein, Leute schrumpelten nicht einfach wie eine Dörrpflaume aus. Nein, die Mumien hätten kein Fieber gehabt.
Nun gut. Das konnte man glauben oder nicht. Doch er fühlte sich heute zu matt, um lange zu streiten. Bis auf die dummen Zäpfchen war er im Grunde mit allem einverstanden.

Er wollte noch nicht einmal, daß man ihm vorlas.


Wenn er nicht döste oder vor sich hinträumte, studierte er die schweren dunkelgrünen Vorhänge vor dem Fenster. Wie sie dem Licht alle Sonne wegnahmen. Manchmal kam ein Windstoß vom Garten und verlief sich als sanfte Welle in den vielen dichtgewebten Faltentälern und Höhen.
Ähnlich wohltuend und kühl mußte es im finsteren Wald sein, im dunklen Tann (wie ein Fachausdruck lautete). Ein stilles, schweres Grün, zerteilt von einem hellen Sonnenspeer, der vom Fenster über dem Boden lief wie eine Grenzmarkierung, wie ein Uhrzeiger aus anderen Zeiten.



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War länger schon niemand im Zimmer gewesen? War er eingenickt? Gerade eben hatte sich jedenfalls eine Dame (ein Geist? eine Fee?) über ihn gebeugt und lächelnd all' den fiebrigen Dunst fortgepustet.

Sollte er die Augen öffnen? Dann würde sich das schöne Traumgesicht sogleich verflüchtigen. Ein Streich aus Dämmerlicht und Fieberwahn; ein bloßes Hirngespinst. Die Welt war bestimmt nichts mehr als das gewöhnliche Drumherum, eben so, wie es sich jeden Tag immer klarer abzeichnete. Ziemlich sicher war das so. Was sonst unerklärlich war , das konnte er nur noch nicht recht verstehen. Doch würde man ihm alles offenbaren; irgendwann einmal, mit einem Schlag. Wenn er selber den unwiderruflichen Schritt vom Kind zum Erwachsenen tun und in die Welt der Großen einziehen würde. (Bestimmt war das dann mit einer Art Feier verbunden. Die Erwachsenen liebten es gern offiziell.)

Oder aber die schöne Dame stand doch vor seinem Bett. Ein Wesen von anderswo her. Stand immer noch geduldig da und wartete. Wer weiß? Dann würde er mitgehen, eine lange Reise antreten müssen; unweigerlich. Alle Kinder sollen aufpassen, daß sie nicht plötzlich geholt werden. Manchmal aber, da nutzt kluge Vorsicht nicht im geringsten.
War es denn so weit? Nun gut. Er öffnete die Augen. Da stand sie.

Da war nichts Falsches. Das hatte sich niemand ausgedacht. War etwas gar zu niedlich, zu glatt und zu wohlgefällig arrangiert (wie das meiste für Jungen und praktisch alles für Mädchen) dann bereitete ihm dies ziemliches Unbehagen. Das Bild vor ihm gefiel wie nichts anderes mehr. Er richtete sich auf; wäre es nicht völlig unhöflich gewesen, liegen zu bleiben? Mit einer Eindringlichkeit, einem Mut, den er erst Jahre später wieder entdecken würde, betrachtete er die Gestalt.
Er dachte:
"Ich will mir alles genau einprägen und merken. Es muß doch für ein ganzes Leben reichen."
Und er dachte zugleich:
"Sie hat eine Mähne wie eine Löwin.
Nein. Dein Haar ist wie ein Kornfeld im Wind.
Und Ihre Sommersprossen tanzen.
Feen sind nicht besonders groß; das kommt, weil sie von da kommen, als alles noch kleiner war.
Sie hat eine Art Feenmal auf dem Arm.
"
Die Fee lachte ihn an.
Er war sich nicht sicher, wie dieses funkelnde Lachen gemeint war. Die Laute klangen so hell und so fremd. Und wie sie schaute! Inniglich und spöttisch zugleich; ein scharfer Schnitt in die Seele hinein.
Sie sagte:
"Was mach' ich am besten mit Dir? Ich steck' Dich wohl in eine Eselshaut!"


Von den vielen Gründen, warum er diese Begebenheit sein Leben lang verschwiegen hatte, fiel ihm der naheliegendste irgendwann einmal ein. Er hatte einfach nie jemanden getroffen, dem er davon hätte berichten mögen. In all' den Jahren nicht.

Sein Fieber war an diesem Nachmittag mit einem Schlag verschwunden gewesen. Er hatte vorsorglich noch den Abend im Bett verbringen, abwarten und Kamillentee trinken müssen - wiewohl er öfter aufgestanden war und den blassen Jungen im Spiegel nach irgendwelchen sprunghaften Veränderungen abgesucht hatte.

Das Eselhafteste überhaupt wäre damals gewesen, sich ängstlich (oder aus schierer Wichtigtuerei) der Mutter anzuvertrauen. Oder sonst jemandem - allesamt liebe Menschen, aber unglaublich davon überzeugt, daß sie die Wahrheit gepachtet hatten. Er ahnte, daß ein Bericht, eine Beichte nur in einem einzigen Fall Sinn machen würde: Es hatten bemerkenswerte Ereignisse vorauszugehen. Katastrophen, für die Erwachsenen keine rechte Erklärung fanden. Wenn er zum Beispiel überlange Ohren bekäme und ein graues Fell plötzlich seinen kleinen weißen Bauch umspannte. (Schnell zum Spiegel!)

Schwierig würde es werden, so fiel ihm jäh ein, wenn er vielleicht seine Stimme ganz verlieren würde und nur noch lauthals "Ja" brüllen könnte. Wie eilen? Er war ja noch nicht einmal imstande, alle Wörter zu schreiben.

Doch das lernte er bald. Die restliche Zeit seines Lebens verbrachte Robert damit, kein Esel zu werden. Das war nicht besonders schwer; er mußte nur auf gar keinen Fall so sein wie

sein Freund Norbert, der alles blind glaubte, was ihm die Erwachsenen auf die Nase banden. (Dabei konnte man die Wahrheit doch einfach nachlesen.)

oder wie seine dumme Tante Alma, die sich von überall her kleine Löffel mit Goldrand und aufgemalten Städtebildchen mitbringen ließ (aber sie niemals benutzte. Was für eine Verschwendung!)

oder wie sein älterer Bruder, der am glücklichsten war, wenn er brav parieren durfte. (Der würde später Tag für Tag mit Eselsgeduld völlig bedeutungslosen Angelegenheiten nachgehen).

und vor allem nicht wie der dicke Pfarrer (dem man nachplappern sollte), wie der selbstzufriedene Schreibwarenladenbesitzer oder wie der Nachbar (ein ehemaliger Polizist und wahrhaftig ein besonders störrischer alter Esel).

Einmal, es war in der Abschlußklasse, schrieb Robert zwei Gedichte für die Schülerzeitung. Das erste, "Ährenlese", handelte vom Sonnenglast über Kornfelder und wie der Wind über Ährenbüschel fährt wie über goldenes Haar. Im zweiten wunderte sich ein müder Esel ("den Weg hinauf, den Weg hinab/tagein, tagaus/kein Stein, der morgen anders läge"), was wohl hinter dem dunklen Waldrand lag.
Nicht sosehr diese poetischen Produktionen als vielmehr den Charakter ihres Schöpfers kritisierte laut vor der Klasse ein Mitschüler. Vor Roberts Auge tanzten rote Schleier. Er nahm den Kerl in den Schwitzkasten, ließ nicht nach, schüttelte ihn erst von sich, als alle ringsum den Berserker anflehten, sein Opfer freizulassen.
"Bin ich ein Esel? Na?"
Unfähig, auch nur einen Ton herauszubringen, schüttelte der andere den Kopf.

Die Welt, die Robert zurückließ, war so klein. In ihm war so viel mehr Platz. Er ging in die Stadt und studierte, verließ das Land, kam zurück (mit einer Frau, die das Land sehr seltsam, sehr eng fand) und hatte, wie ohne sein Zutun, bald ein Haus, Kinder und weit mehr Glück und Erfolg, als ein gewöhnlicher Mensch erfährt. Da waren viele, die an ihn berichten mußten, niemand, dem er Rechenschaft schuldig war, aber auch kein Mensch, dem er sich ganz offenbarte. Er war alles mögliche, doch kein dummer Esel.

Robert liebte die Eigenen innig. Er fand Herzensfreunde und hatte keine wirklichen Feinde. Er ging für seine Mitarbeiter, vor seinen Mitarbeitern durchs Feuer. Mit einem Flammenschwert zog er zugleich zwischen der Welt und seinem Innersten eine scharfe Grenze.

Hatte niemand je Ähnliches erlebt? War denn so außergewöhnlich, was ihm widerfahren war? Leute erzählten von den wunderbarsten Begebenheiten. Er schaute ihnen ins Herz und sie taten ihm unendlich leid. Ihr Scheitern an dieser Welt war so deutlich.

Man trug ihm nicht nach, daß er manchmal die Einsamkeit suchte. Robert wanderte stets weit hinaus, weitab der Wege, bis zu einer Lichtung im Wald; immer derselben. Ein golddurchwirkter Flecken , eingerahmt von hohem Farnkraut und riesigen Bäumen mit borkigem rotem Stamm. Da saß er nun und wußte, daß er reicher beschenkt war, als all' die meisten anderen. Daß er nicht mehr verlangen durfte vom Leben.

Doch er sprach:
„Wolltest Du wirklich, daß ich Dich nicht mehr suche? Das geht nun nicht. Da bin ich ein zu treuer Esel."

Wie er einmal so lagerte, auf dem grauen Findling, Rucksack und Wasserflasche neben sich, die Arme über die Knie verschränkt, da fiel ihm ein, wie er sein Leben malen würde:

„Mit einer offenen Ecke, so daß das Auge des Schauenden schnell in das Bild hineinschlüpfen kann. Und mit einem unfertigen Stück, denn ein Gemälde wird erst in der Vorstellung des Betrachters zu Ende gemalt."

(Kensington, 31.8.1998)

© 2001 Caroline Krämer (Illustrationen), 1999 Gerhard Winkler (Text)
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