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Weihnachtseinladung und Seebleistift, Brusttaschenlampe und Kompass, das meertaugliche Mobilfon und die amtlichen Kartenwerke Küstennahe Randgebiete sowie Arg Versteckte Binnenhäfen. Besser, man prüft zweimal, was man einstecken muss. Was fehlte jetzt noch? Nusrat sah sich ein letztes Mal um und dachte an den alten Seekaterspruch: "Weit ist die Reise, leicht das Gepäck, die Liebste maunzt kläglich und schon bin ich weg!"

Nicht mehr so viele Tage bis Weihnachten. Sehr kurze Tage, denn es wurde ja früh dunkel. Tage, die man nutzen musste. Um Plätzchen zu backen, Kerzen zu gießen, Tannenzweige zu binden, Fenster zu schmücken. Um den Ofen anzufeuern und um Baldriantee aufzugießen. Oder um jähzornigen Kusinen aus der Patsche zu helfen.

Am Abend des folgenden Tages war Nusrat an sich weit gekommen. Er stand an der Övelgönner Landflucht (von der See aus als die Övelgönner Zungenspitze bekannt) und schaute keineswegs ins Weite hinaus. Zum einen lag das Weite weit hinter einer sich wiegenden Schwärze verborgen. Und zum anderen – aber das braucht man in dieser Runde gar nicht erst breit treten. Ein Seekater, der nach längerem Landgang wieder das Meer erreicht, der steht nicht einfach nur am Strand und stiert vor sich hin. In irgendein x-beliebiges Weites.

"Ah", sagte Nusrat. Streckte sich und sog die würzige Seeluft tief ein.

"Seeluft macht frei", dachte der Seekater und schaute sich nach dem nächsten Fischkutter um, der gerade auslief. Dabei dachte er: "Praktisch alle Fischkutter, die man erblickt, laufen gerade aus, denn wenn man sie nicht sieht, sind sie ja schon ausgelaufen." Und dann fiel ihm auf: "Der gute Mann auf dem Boot hier, der ahnt zweifellos, dass ich zur Beckenflotter Hallig muss. Wenn ich nicht allzu viel Worte mache, dann nimmt er mich sicher mit."

Also hütete sich Nusrat, auch nur ein Wort zu verlieren und als der gleichermaßen wortkarge Fischer ihm in keinster Weise bedeutete, an Bord zu kommen, da kletterte Nusrat schnell über die Reling.

Stumm fand der Seekater seinen Platz, still legte er beim Ablegen Hand an, leise tuckernd umrundete das Boot die Hafeneinfassung und ohne ein merkliches Geräusch schlüpfte es in das von so vielen Landschaftskennern gerühmte graue Einerlei der Nordischen See.

So schipperten sie durch die Nacht und dem Morgen entgegen. Im Wintermeer leuchten die Algen weißgrün wie ein Tannenwald und die Sterne funkeln darauf als goldene Lichter. Und wer in diesen Breiten die Höhen der Berge vermisst, der muss sich eben an den Tiefen der Wellentäler erfreuen.

Nach Stunden des Schweigens knurrte Nusrat in den Wind: "Und am Vierundzwanzigsten?"

Stunden später knurrte der Fischer: "Schon Dezember?"



Was hat sich seit der letzten Deichbegehung auf der Beckenflotter Hallig geändert? Eigentlich gar nichts. An schönen Tagen sieht es dort aus wie auf einem verwaisten Polofeld, an schlechten Tagen wie eben dort unter Wasser. Doch an diesem Morgen? Da schwappte und züngelte die See bis an das einzige Objekt auf diesem Grund, das die Natur nicht selber gepflanzt hat. Und das sich allein farblich entschieden vom Strandhafer abhebt.

Die Telefonzelle, natürlich! Davon hats welche an jedem Ort, aber Beckenflott ist noch nicht einmal ein Ort und hat trotzdem eine. Ohne eigene Vorwahl!, rufen ein paar Leute vom Land. Als ob’s darauf ankommt. Immer funktionstüchtig! Sturmfest verankert! Nachts verläßlich beleuchtet: So kennen wir das Beckenflotter Telefonhäuschen. Seit jeher ein verdammt guter Punkt, wenn der müde Ausguck etwas Festes zum Fixieren braucht.

Von hier aus hatte Rosina ihren Vetter angerufen. Gar nicht so viele Schritte von der Telefonzelle entfernt, aber schon am anderen Ende der Hallig, lag die OPTIMA, Rosinas Kleinlastentrawler. War schon ein Kunststück, die Beckenflotter Hallig so genau zu treffen. Und sich mit voller Kraft in den Deich zu schrauben. Nusrat konnte sich gut vorstellen, wie das passiert war. Die Steuerfrau hatte anstatt zu steuern wieder geschmökert.

Nusrat stapfte quer über das halb geflutete Inselchen. Er enterte das Schiff, was gar nicht so leicht war, denn seine Kusine hatte das Fallreep eingeholt. Dann schlitterte und stolperte er quer über Deck. Da lagen mehr Weihnachtsheringe herum, als ein Seekater auf nüchternem Magen verkraftet. Vorsichtig, um nicht auszugleiten, stieg Nusrat in die Kajüte hinab.

"Rosina?" - Je abgeschlossener und enger ein Ort, desto dümmer kommt man sich vor, wenn man laut und männlich seine Katerstimme erhebt.

"Rosina!!! Hallo!!!" - Je mehr Nusrat aber merkte, dass er hier allein war, desto schauriger die Stille, die sein mutiges Rufen unterbrach.

"Rosinchen! Hast dich in ein Fass verkrochen? Mit einer Whisky-Buddel? Na, warte, wenn ich dich finde." – Je unbekümmerter und zugleich vorwurfsvoller er rief, desto mehr erschien gerade dies Nusrat als klares Zeichen, dass er Rosina hier bestimmt nicht mehr finden würde.

Darum beschloss der Seekater, dass er für heute genug gestöbert, gepoltert und Heringe aufgelesen hatte. So würde er Rosina nie aufspüren. Besser, er nahm seinen Verstand zu Hilfe.

Er überlegte kurz und messerscharf: "Die OPTIMA: dunkel und ohne Rosinchen. Die Hallig: trostlos und gleichfalls ohne Kusine. Die Telefonzelle: hell, aber leider völlig kusinenfrei. Wenn man die Wahl hat zwischen dem Nichts und dem Nichts und dem Nichts, dann nimmt man am besten das Nichts mit Beleuchtung."

Also zurück über die Feuchtwiese zum Beckenflotter Fernsprechzentrum. Unterwegs dachte Nusrat: "Vielleicht sitzt ja jemand dort oben und schreibt meine Abenteuer mit. Hoffentlich lesbar! Und über das Telefonhäuschen steht dann bestimmt geschrieben: So weit wie hier ist man nirgendwo sonst von zu Hause entfernt. Deswegen kommt ja jeder hier her und verkündet stolz: Ihr daheim ahnt ja nicht, von wo aus ich gerade anrufe!"

Reisende, die das tun, ahnen meist nicht, worin die eigentliche Aufgabe der Beckenflotter Telefonzelle besteht. Sie ist ein Orakel. Ein geheimes Orakel. Und all die Leute, die sich gefragt haben, wie ein Orakel genau funktioniert, die sollten jetzt besonders gut aufpassen.

Was also nicht aller Welt, aber Nusrat bekannt war: Wer gerade kein Zuhause besaß, wo er dringend anrufen musste, wer jedoch in losen Münzen den Minimalbetrag für einen Anruf bei sich trug, wer genau diesen Obulus in das Beckenflotter Telefonorakel einwarf und wer dann auf’s Geradewohl eine mehrstellige Nummer wählte, den verband der Apparat ohne zu zögern mit sich selbst, eben dem Küstenorakel.

Kaum war Nusrat in die Zelle eingetreten, schwang schon die Tür hinter ihm zu. Nusrat nahm den Hörer ab, wartete ab, bis er das Freizeichen hörte, steckte drei Groschen in den Schlitz, gab 31 01 62 ein, folgte den geflüsterten Anweisungen und wählte schließlich die geheime Geheimnummer.

"Fasse dich kurz, Du bist schon verbunden. Das Orakel hier begrüßt seinen Kunden."

Nusrat erinnerte sich an einen Lehrsatz aus der Seekaterschule: Wenn Du mit einem Orakel sprichst, sprich wie das Orakel. Deshalb orakelte er: "Die weltweit beste Wissensquelle. Fließt aus der Beckenflotter Zelle. Ich hab‘s eilig. Muss gleich wieder fort. Drum sag mir rasch den Aufenthaltsort."

"Du suchst den Piratenschatz von Käptn Kidd? Hier sind die Daten, schreib eifrig mit!"

"Nicht verborgen, fort ist mein Schatz. Wo find ich ihn nur? An welchem Platz?"

"Dein Schätzchen ist dort, wo es immer war. In einer beliebigen Seekaterbar."

Das konnte nun nicht sein. Nusrat gab sich größte Mühe, dem Telefonorakel zu umschreiben, dass er katzenhaargenau nach niemand anderem als seiner Lieblingskusine suchte. Die meist auf ihrem Frachtschiff OPTIMA zu finden war. In den Küsten- und Binnenhäfen auch dort, wo man vorzüglich speiste. An manchen Sonn- und Feiertagen hingegen in einem Kirchenschiff, als aktives Mitglied des Flottmarscher Felidenchors. Mit anderen Worten:

"Ob Feuer, ob Sturm, ob Fels oder Riff. In uns’rer Familie verlässt niemand sein Schiff."

Jetzt endlich schien das Orakel verstehen zu wollen. Es überlegte und überlegte und überlegte immer noch weiter und hörte gar nicht mehr auf, sich Gedanken zu machen. Erst, als der letzte Groschen am Fallen war, da verkündete es rasch:

"Hör auf zu problematisieren, Seekater Nusrat. Mach den Kahn flott, liefere den Hering aus. Damit hilfst du Rosina am besten."

"Reimst du dir da nicht etwas zusammen?", fragte Nusrat argwöhnisch.

"Wie kommst du darauf?", fragte das Orakel zurück. "Bring den Hering nach Zitterfeld, denn das allein bringt Weihnachts-"

Die Verbindung brach ab. Nusrat lauschte der Stille ein wenig nach und legte dann den Hörer zurück auf die Gabel.

Während dieser Unterhaltung war der Wasserpegel auf der Hallig langsam, aber stetig angestiegen. Nusrat stakste zurück zur OPTIMA, feuerte dort den Ofen an, hing seine feuchten Klamotten auf, bereitete sich ein nahrhaftes Süppchen. Danach las er im Schein einer Combustiblen Schiffsleuchte in Kusine Rosinas letzter Abonnementslieferung der Timmendorfer Literarischen Seefahrerbriefe, und arbeitete sich, weil er noch nicht müde war, auch noch durch alle anderen Ausgaben der Saison. Am Ende schlief er über einem Märchen ein und träumte von schaumschlagenden Meerelfen an fernen Gestaden.



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