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«Weihnachten feiern wie einst und noch vorher! Eingeladen sind alle Freunde des Hauses ZUFLUCHT für stromernde Vagabunden u. Seekater!!!"

"Ach", sagte Nusrat. "Ja nun", sagte er.

Er strich mit weicher Pfote das Papier glatt, ging lesend einen Schritt weiter, bis unter die Flurlampe. Die Einladung duftete nach Muskat und Bohnerwachs. Nusrat starrte lang auf das Blatt, studierte die akkurat durchgepausten Engel. Was die auf ihren Trompeten wohl bliesen? Der Seekater brummte es versuchshalber nach.

Er dachte: "In gewisser Hinsicht gibt dieses Papier die Zustände im Haus ZUFLUCHT genau wieder. In anderer Hinsicht finde ich, ist das Ganze aber auch ein wenig idealisiert."

Und damit schloss er das Thema ab.

Jedoch (und weil dieses jedoch abzusehen gewesen war, kam es für ihn auch nicht wirklich überraschend), jedoch war es für Nusrat höchste Zeit, sich über die Festtage Gedanken zu machen.

Wer auf Klippen, Sandbänke oder auf Weihnachten zuhält, der muss entschlossen handeln. Am besten schon früher. Und allerspätestens später. Doch Feiertage, die lassen sich nicht so einfach umschiffen. Da gibt's einfach kein Ruder, das man als gewiefter Skipper herumreißen kann. Weihnachtstage? Stille Nächte? Da heißt es für jeden Seekater: Augen zu, Nackenhaare gesträubt und irgendwie durch.

"Was mache ich bloß?", dachte Nusrat. "Am Heiligen Abend. Wenn ich überhaupt etwas mache."

Wieder studierte Nusrat das Blatt: «Bitte füllt diesen Anmeldekupon sehr genau aus. Nur ein (1!!!) Buchstabe pro Kasten!!!»

"Dieses Formular", dachte er, "greift der Zukunft nicht vor, aber macht die Zukunft doch ein wenig greifbarer. Ich finde das", dachte er weiter, "nämlich ziemlich naheliegend, mit anderen Fernreisenden zu feiern ... "

Zu deren Kreis er zählte. "Und überhaupt", dachte er abschließend, "mache ich mir ein wenig zu viel Gedanken für einen beruflich stark beanspruchten, von Naturell und Neigung her völlig robusten Seekater. Ins Grübeln kommen? Wegen Weihnachten? Quatsch mit Soße!

Derart in festliche Betrachtungen verloren, stiefelte Nusrat zurück in sein Zimmer, suchte und fand seinen korkummantelten Seebleistift, feuchtete die Spitze mit spitzer Zunge an. Dann begann er, alle zur korrekten Anmeldung verlangten Angaben zu sammeln. Er zeichnete ein paar Kästchen auf und achtete, dass sie alle gleich groß ausfielen. Allerdings wurden sie auch weit geräumiger als die Vorlagen auf dem Anmeldebogen des Seefahrerheims:
Name

Beruf

letztes Schiff
/letzter Hafen

   Dessertwunsch

Nusrat Seekater Paul Nevermann
/erreicht!
Rotegrütze
mit Milch

Jetzt mußte er nur noch die Angaben in’s Formular übertragen. Und zwar so leserlich wie fehlerfrei. Das war Nusrat erstens sich selber schuldig, zweitens der Seekater-Akademie, deren Jahrgangsbester er einmal fast geworden war. Und drittens? Drittens überhaupt!

Nusrat setzte an, malte einigermaßen flüssig Nusr - doch genau an dieser Stelle müssen wir unseren Bericht unterbrechen. Wie man unschwer herausfinden wird, für einen wichtigen Anruf.



"Was sind denn das für Blubbergeräusche?"

"Die sind vielleicht in der Leitung", mutmaßte Nusrat. "An meinem Mobilfon kann das nicht liegen. Das ist trocken, dicht und seetauglich.

Zur Sicherheit kippte und schüttelte er mehrmals den Hörer.

"Was machst Du da? Hör auf damit! Willst Du Deine Kusine ertränken?"

"Ach Du bist’s, Rosina!" Nusrat strahlte. "Ich kann Dich nur undeutlich hören. Wo steckst Du gerade? Regnet es dort?"

"Ich bin auf der Beckenflotter Hallig, Nusrat. Es gießt hier in Strömen."

"Rosina, ich verstehe Dich nur schlecht. Ganz schlecht. Du wirst doch nicht auf der Beckenflotter Hallig festsitzen?", scherzte Nusrat.

"Doch, das tu ich. Ich bin gestrandet. Auf Beckenflott. Ausgerechnet.", schrie Kusine Rosina. "Das ist nicht lustig."

"Was machst Du denn dort?"

"Was ich dort mache? Ich bin deprimiert."

"Das wäre ich auch, auf der Beckenflotter Hallig. Apropos", meinte Nusrat, "was treibst Du dort wirklich?"

"Habe ich doch schon erwähnt", stöhnte Rosina. "Ich bin hier aufgelaufen."

"Und Dein Schiff?"

"Wie gesagt. Das hab ich auf den Beckenflotter Strand gesetzt."

"Und die Ladung?"

"Die ist mir verrutscht." Rosina atmete heftig und hörbar. Dann seufzte sie tief. Dann sagte sie: "Nusrat, du stellst andauernd die falschen Fragen."

"Was wäre denn eine richtige Frage?"

"Eine sehr passende Frage wäre: Kann ich Dir helfen, liebe Kusine? Mal eben zum Beispiel."

"Kann ich Dir helfen? Liebe Kusine, das überleg ich mir noch", antwortete Nusrat der Seekater.

"Ja das kannst Du. Helfen meine ich." Rosina holte tief Luft. Verstummte. Und atmete lang und ausgiebig aus. "Ich muss 50 Fass Weihnachtsheringe nach Zitterfeld liefern. So schnell es geht."

"Und wo steckt der Fisch?"

"Zum Teil noch in den Fässern. Zum Teil hier und da."

"Doch nicht ausgekippt? Auf dem Beckenflotter Strand?" Jetzt lag es an Nusrat, ausgiebig zu seufzen.

"Nur an ganz wenigen Stellen", schnaubte Rosina."Sei doch froh. Immerhin ist das meiste vom Fisch schon gefangen."




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