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1 - Es war einmal ein Kater, weder zu groß noch zu klein

Es war einmal ein Kater, weder zu groß noch zu klein. Recht stolz allerdings, das war er schon. Das sah auch ein jeder, der's wollte. Nusrat spreizte seinen Schnurrbart mit Lust und jedes seiner dünnen Härchen funkelte hell in der Sonne.

"Da schau her", hieß es auf der Hafenstraße. "Du bist mir ein stolzer Geselle. Doch was für einer genau?"

"Ein Seekater", antwortete der junge Nusrat bestimmt.

"Das sieht man dir aber nicht an!"

"Und doch geh ich soeben zum Hafen. Such mir ein Schiff. So jung ich auch bin, ich kenn schon alle Knoten und Kniffe."

"Wirst wohl bald allerhand von der Welt sehn."

"Und die Welt so manches von mir", erwiderte Nusrat. Er strich sich die Barthaare glatt, machte sich fort seines Weges.

Gleich auf dem ersten Schoner, da stand ein Kapitän. Der kühlte seinen Kopf mit wässrigem Eis, blinzelte in die Sonne und rief: „Was hab ich für einen mächtigen Kater!"

„Der braucht mich nicht", merkte Nusrat und stolzierte weiter.

Auf dem Deck des nächsten, gleich schmucken Kahns, da stand eine Fischerin. Der Seekater musterte sie aus schmaler Pupille. Doch da sprang eine rote Schiffskatze auf die Reling und katzbuckelte.

„Seid mir gegrüßt und gekratzt", murmelte Nusrat, strich sich hochgemut die Barthaare glatt und ging weiter seinem Geschäft nach. Dort am Ende des Kais, da lag ein drittes Schiff.

Dieses jedoch! Ein alter Krabbenkutter, die Farbe abgeblättert, die Mannschaft aufgegabelt, der Schiffsführer angeheitert.

„Sie suchen eine tüchtige Schiffskatze", behauptete Nusrat und fixierte den Graubart.

„Vielleicht. Wahrscheinlich nicht. Oder doch? Weißt du überhaupt, wie eine Krabbe ausschaut?" wollte der Seebär wissen.

„Stellen Sie mich auf die Probe, Herr Kapitän", verlangte Nusrat. „Dann wird sich‘s schon weisen."

Der Alte griff rasch unter sich, erwischte ein Schalentier und schleuderte es kraftvoll ins Weite. Nusrat, der Seekater, sprang und fing die Krabbe im Flug.

„So jung ich auch sein mag, ich weiß schon alle Griffe und Schliche", meinte er mit berechtigtem Stolz.

„Die wirst auch brauchen. An Bord, Schiffskater. Noch diese Nacht fahren wir aus!"
2 - Kennst du den Song der Krabbenfänger?

„Kennst du den Song der Krabbenfänger?"

Nusrat, der Schiffskater, gab auf diese Frage nicht acht. Am Ende der Welt, da wo das Meer in den Himmel lief wie ein Stoffmuster ins andere, da wurde es schwarz.

„Schiffskater! Wir reden mit Dir! Du stierst ja wie ein steifgefrorener Ausguck! Da gibt’s nicht zu sehn, da hinten. Dort gießt nur einer Wasser in die Wanne."

Die Matrosen lachten herzlich. Sie knufften sich kraftvoll in die Seemannsbäuche, sahen insgesamt drein, als ob sie mit Freuden auch Schiffskater pufften. Nusrat aber spreizte stolz das Barthaar und erklärte, er wolle füglich das Lied der Seefahrerzunft lernen. Man möge ihm den Song nur recht laut, doch gemessen vortragen.
Die zitternde Linie, die Himmel und Meer sonst gemeinsam fein zeichnen, die war jetzt nicht mehr zu sehn. Dafür stellte jemand am Horizont eine himmelhohe schwarze Wand auf. Einer, der es sichtlich nicht gut mit Seefahrern meinte.

Die Krabbenfänger aber standen alle mit dem Rücken zur Wand. Als sie anhoben, da schien es Nusrat, als heulte mit ihnen ein Wind auf. Das Lied ging aber so:


„Wir Menschen in Westfalen
Haben feste Schalen
Doch innen sind wir weich
Und wir schmelzen gleich

Kleine Westfälin, machst nicht viele Worte
Kleine Westfälin, oh, dein Blick sagt mir so viel

Aus Liebe zu Westfalen
halten wir Testwahlen
Doch unser Land gewinnt
Weil wir Westfalen sind

Kleine Westfälin, du machst nicht so viele Worte
…"

„Hier stimmt ja rein gar nichts! Wo bleiben die Krabben? Der Kutter? Das Meer?" unterbrach Nusrat den Sängerkreis. „Das wird doch nie und nimmer ein Lied von der Seefahrerei!"

„Diesen Song haben wir mitgehen lassen. Wie wir einmal auf Landgang waren. Jetzt gehört er uns", erklärten ihm die Matrosen treuherzig. „Aufgepasst, das Lied geht noch …"

'Verschont mich in Zukunft mit euren Kartoffel-Shanties‘, wollte der junge Schiffskater an genau dieser Stelle rufen. Doch das genau tat er nicht.

Denn das Schiff stieg jählings steil an und stürzte hinunter und legte sich quer und rollte bedenklich und stampfte noch mehr. Die hohe schwarze Nacht warf ihr feuchtes Tuch über Schiff und Besatzung. Blind tastete sich Nusrat über das Deck, bis er mit einem Mal das Steuerrad fasste. Vor ihm stieg die Wand auf. Da mussten sie durch.
3 – Krakenwetter, murmelte der Kapitän

„Krakenwetter", murmelte der Kapitän, als das Unwetter endlich überstanden war. „Diese Nachtstürme, die schrecken Kraken aus der Tiefe. Schiffskater, bind das Ruder fest an, wir steigen alle hinab in die Kombüse. Pulen Krabben, singen Lieder, trinken Tee."

Mit einem Mal stand Nusrat allein an Deck. Da klopfte ihm einer auf die Schulter. „Komme gleich", rief der junge Kater ohne sich umzudrehn. Doch jetzt stupste ihm einer in den Rücken. „Ja doch! Ich will nur mehr das Ruder festzurren." Da ringelte sich etwas schnell um des Katers Bauch, riss Nusrat vom Deck, schleuderte ihn erst hinaus in die Lüfte, zog dann den armen Zappelkater geradewegs hinab in die Tiefe.
Kraken haben viele Arme. Doch Katzen haben krallenbewehrte Pfoten.

„Na warte. So jung ich auch sein mag, ich kann doch gehörig kratzen und krallen", machte sich der Schiffskater Mut.

„Sei nicht so stolz, gib endlich nach", keuchte das Untier.

„Eins auf den Schnabel will ich dir geben. Und noch eins! So!", gab Nusrat zurück.

Doch wer hätte bei diesem furchtbaren Kampf auch nur eine Schale Krabben auf den Schiffskater setzen wollen? Zu stark war der Krake, zu kunstreich seine Griffe und Finten. Da besann sich Nusrat eines alten Lieds. Die Bergkatzen hatten es ihm gelehrt, als er einmal einen recht faulen Lenz bei ihnen verbrachte. Das Lied ging so:

„Im tiefen Meer
Schwimmt einher
Ein Katzenheer
Das freut mich sehr

Helft mir endlich, Katzenhaie
Ich kriegs selbst nicht auf die Reihe!"
zurück zum Seitenanfang Wie Nusrat so zu blubbern und maunzen begann, wollte der Krake den Seekater nichts lieber als mundtot machen. Schon schlang sich ein weiterer grauslicher Napfarm um den Hals des unglücklichen Sängers. Doch da schossen endlich die Katzenhaie heran:

„Formiert euch! Kühne Wendung! Zum Angriff, zackbumm!"

Der Krake verschwand in einer tiefblauen Wolke.

Die Katzenhaie formierten exakt einen Halbkreis und musterten Nusrat, wie man eben einen Vetter aus der Fremde betrachtet.

„Vetter Nusrat, du bist ganz schön vom Kurs abgekommen!"

„Stimmt es, dass es da oben nur Trockenfutter gibt?", fragte ein anderer. Statt zu antworten, japste der Seekater. Er musste doch vor allem wieder zu Atem kommen.
4 – Nusrat war ein guter Linksaußen

Nusrat war ein guter Linksaußen. Einen besseren hatten die Katzenhaie noch nicht gesehen. Stolz und sicher fügte sich der neue Flügelkater in die Formation ein. Fast hätte er selber vergessen, dass er zwar Seekater, aber eben doch kein waschechter Katzenhai war. Nur zum Luftholen verließ Nusrat seinen Platz in der Haischule, tauchte kurz auf, stieg artig und elegant aus dem Wasser und klatschte wie ein Wal mit dem Schwanz auf.

zurück zum Seitenanfang Dann tauchte er zu seinem Platz in der Haischule zurück.

„ Vetter Nusrat, erzähl uns vom Leben da draußen! Stimmt es, dass dort jeder aus der Reihe tanzt, grad so, wie er mag? "
„Na ja, die Schiffschule zum Beispiel, die war auch ziemlich streng. Zwieback gab’s und nur freitags Fisch. Überhaupt, anfangs mussten wir immerzu Seemannsgarn spinnen, Stunde um Stunde. Was hatten wir noch? Anker werfen. Da kam ich recht weit. Dienst in der Elmsfeuerwehr, für alle Schiffskatzen verbindlich. Navigation frei Schnauze, da schnitt ich miserabel ab. Vollkommen verfranzt hab ich mich!."

„Und was ist dann passiert, Vetter Nusrat?"

„Ich bin am falschen Ende rausgekommen. Doch jetzt erzählt wieder von den Meerjungkatzen!"

Nichts taten die Katzenhaie lieber als das.

Wie es unter Wasser Mode ist, trug Nusrat seinen Bart jetzt angeklebt. Linksaußen schwamm er, als er mit den anderen einen Schwarm Heringe jagte. Da stockte vor den Verfolgern der glitzernde Haufen, machte jäh kehrt, stob plötzlich auf die Haie zu! Ein riesiges Treibnetz schob sich heran, fiel von oben herab, zog sich enger und enger um Jäger wie um Gejagte.

So leichte Beute wollte der stolze Seekater nicht sein.

'Die armen Fischlein‘, dachte er. 'Wissen nicht, was ihnen geschieht. So jung ich auch bin, ich überwinde doch Not und Netz.‘

Fein säuberlich teilten Nusrats Krallen das Gewebe. Ein Strom blinkender, wirbelnder Fischleiber quoll aus der Lücke. Nur der Seekater klammerte sich noch an die Maschen, wurde ans helle Licht gezogen, ließ dort endlich ab und klatschte wieder zurück in das Meer.
5 – Doch Nusrat hatte irgendwie das Schwimmen verlernt

Doch Nusrat hatte irgendwie das Schwimmen verlernt. Wie ging das noch? Er furchte die Stirn um besser zu denken, sein Kopf blieb leer wie eine Boje. Arme und Beine musste er schütteln! Aber welche? Die linken? Die rechten?

Not verleiht manchmal Schwimmflügel. Leider nicht hier, leider nicht jetzt und das war dem Nusrat ganz arg.

So driftete er hilflos von Wellenberg zu Wellental, suchte mit feuchten Augen die See ab nach Hilfe. Nichts da. Er war allein. Und Nusrat lernte, dass einem eines unter gar keinen Umständen entfallen darf: Wie man sich in der Not über Wasser hält.

Wieder retteten ihn die Katzenhaie, seine Verwandten. Diesmal zogen sie Nusrat Stunde um Stunde, immer dem Abend entgegen, bis sie am Ende die Küste erreichten. Dort nahmen die Meerleute Abschied. Der Seekater strampelte mit letzter Kraft, wurde an den Strand gespült und lag regungslos, ein feuchter Balg zwischen Sand und Tang.

Nusrat schlief lang, fest und tief. Dann schlief er noch ein Stück. Dann döste er ein Weilchen. Dann pickte etwas an seinem Schwanz. Aus schmaler Pupille betrachtete Nusrat dies Etwas. Eine graue Möwe.

„Ich heiße übrigens Nusrat. Unter Seevögeln dürfte dieser Name eingeführt und bekannt sein", bemerkte der Kater.

Die Möwe gackerte auf und hüpfte eilig davon.

Auch Nusrat machte sich schließlich auf, klopfte den Sand aus dem Fell und suchte seinen Weg zurück in die Stadt. Hatte er sich seine erste große Fahrt so vorgestellt?

'Wenn ich ehrlich sein soll‘, dachte Nusrat, dann nicht ganz genau so. Doch schon so ähnlich.‘

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[Berkeley 27./28. 2. 1999]




zurück zum Seitenanfang Die Handlung folgt „Mein Leben als Fisch" von Johanna Voss
© 1999 Gerhard Winkler (Text), Johanna Voss (Illustration)
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