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Es war einmal eine alte Frau, die hätte vor ihrem Tod so gern etwas von sich weitergegeben. Einen Spruch, einen Ring, etwas Wertvolles eben. Doch besaß sie nur einen Topf, den brauchte sie selber. Und einen Löffel, der gehörte zum Topf. Da war nichts zu machen.

Auf dem Weg ins Dorf blieb sie nachdenklich stehn, mitten auf der Straße. Wer sie bemerkte und mitleidig war, fragte nach, was sie verloren hätte, ob man ihr helfen könne. Nur herunter von der Straße solle sie kommen. Doch blieb sie unberührt, sie schien nicht zu hören, selbst auf die vielen Kinder nicht. Die segelten an ihr vorbei, streiften sie flüchtig. So wie Schwalben im Sturzflug manchmal den Boden berühren oder eben gerade nicht.

Die Bälger flohen bald, zerstreuten sich in alle Winde, um sich anderswo wieder fröhlich zu sammeln.

Die alte Frau aber stand immer noch auf der Straße. Ein Wagen bog ein, mußte ihr ausweichen, wer dies mit ansehn musste, gefror ja zu Eis, sah das Unglück gleich kommen.

Weh geschrien; aber zu früh.


Von all dem bemerkte die schwarze Gestalt gerade so viel, wie der Gargoyle da oben auf dem Kirchensims von der heiteren Welt mitnimmt. Nämlich rein gar nichts. Und zugleich alles.

Etwas weitergeben, etwas in andere Hände legen. Bevor sie sich für immer niederlegen musste. Eine Weisheit vielleicht, eine Erfahrung.

Was weißt denn du von der Welt, höhnte einer, der sie passierte und im Vorübergehn ihre Gedanken aufnahm. Was hast du denn im Kopf? Rübenrezepte und Wadenwickel und Knöpfe sammeln und Flaschenkorken.

Die Frau erschrak und musste gleich in ihrer Tasche fühlen. Wie ihre Finger jeden einzelnen Knopf erkannten. Dick und rund und weich der eine. Der große, unebene, der mit dem hartkantigen Nähloch. Einen gabs, von dem hatte sie zwei. Nie wusste sie, wer welcher war. Streng auseinanderhalten musste sie die quirligen Dinger, immer in verschiedenen Taschen halten.


Die Frau stand da und befühlte, zählte ihre Knöpfe, schob sie, zwängte sie hinein in die hohle Hand, achtete auf nichts sonst in der Welt, aber da war auch nichts mehr. Nichts, was ihr näher war und vielgestaltiger und angenehmer. Kleine Köpfe schlüpften in ihr Haus, rückten zusammen, machten es sich in der warmen Stube gemütlich.

Um ein kleines Brot war sie gegangen. Das fiel ihr ein. Auf halbem Weg war sie schon; kurz verschnauft hatte sie eben. Und die Knöpfe abgezählt. Oder so getan, als ob sie zählte, dabei wusste sie doch, auf dieser Welt ging nichts verloren.

Und so gern, so gern hätte sie jemandem etwas geschenkt, mitgegeben auf dessen Lebensreise. Sie dachte: Von mir muss es was sein, von mir selbst.

Da stand ein kleines Ding, ein Mädchen. Woher die wohl kam. Stand vor ihr, um so vieles winziger noch als die verkümmerte Alte. Hatte die feine Hand ausgestreckt, bot ihr stumm eine Gabe. Legte sie der Weißhaarigen in deren ausgestreckte Hand, wirbelte herum, sprang aus dem Blick.

Eine Feder. Eine schwarze Feder. Wohin nur mit ihr.



Die Alte überlegte und bis es ihr einfiel, war der Schatten weiter gewandert und die Schwalben hatten so oft den Kirchturm umkreist und der Briefträger war schwankend auf seinem Stahlbügel die gepflasterte Straße heruntergeradelt und du warst schon ganz weit voraus und hast schließlich gleichmütig gewartet. Die ganze Zeit; an einer Kreuzung vielleicht. Unter einer Platane. Oder dort auf dem Platz.

[Lichtenau, 19. Januar 2000]
© 2000 Gerhard Winkler (Text, Fotos)
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