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2. Teil
Lukas sah überhaupt nicht klar. Der Rechenraum war vernebelt und versuppt wie eine Waschküche. Wo war bloß Sir Beit, der Geheime Erste Reichsrechenrat, abgeblieben? Da stolperte er ja herbei. Und fiel aus dem Dampf wie aus einer Wolke.
"Alles hinüber, alles perdu", murmelte Sir Beit.
"Keine Sorge, Sir." Lukas führte den Meister sacht heraus aus dem Durcheinander. Hinüber in die Praktikantenkammer. Dort, auf dem Tisch, da blinkte und fauchte und funkelte metallisch ein Kasten, so groß wie ein Schuhschränkchen. Ein armdickes Kabel führte zu einer Schiebdose in der Wand.
"Was ist denn das?", wunderte sich der Reichsrechenrat. "Schaut ja fast aus wie ein transportabler Dampfrechner."
"Die Reichsrechenversorgung läuft unterbrechungsfrei weiter, Sir. Ich habe mir kurzerhand erlaubt, einen Prototyp, das Lukatron einzusetzen. Es sollte ja der erste tragbare Dampfrechner werden. Ich denke aber, Sir, ich bin noch ein gutes Stück davon entfernt."
zurück zum Seitenanfang Um den hohen Schloßturm kreiste ein Falke.
Sir Zeiber saß in seiner Studierstube, tippte an den Rahmen seines Zauberspiegels.
"Mit wem darf ich Sie verbinden?", fragte der Spiegel.
"Zaubern Sie mir Kremhilde, die Königin."
Der Zauberspiegel baute ein Bild auf.
"Zeiber, ich weiß, warum Sie mich anspiegeln. Sie haben bestimmt schon das fatale Interview gelesen. Chefredakteur Presskopf hat soeben angefragt, ob er das Unglücksgespräch morgen wirklich veröffentlichen soll. Was konnte ich einwenden? In Verdanien haben wir schließlich Meinungsfreiheit."
"Kremhilde, so geht das nicht weiter. Khadifija, so hübsch sie auch sein mag. Das Kind ist in bestürzendem Maße uneigennützig und vernünftig."
"Nett und bescheiden. Schrecklich erwachsen."
"Genau. Jedoch: edel, hilfreich und gut - das sind wir Verdaner doch alle schon selber.
"Zeiber, ich weiß ja. ‘Zeig nicht dein Glück, sonst beraubt Dich ein Oregone. Zeig nicht dein Unglück, sonst hilft Dir ein Verdaner.’
"Könnte das Mädel nicht wenigstens ein bißchen über die Stränge schlagen? Einmal die Nacht durchtanzen? Zumindest die halbe Nacht? Im Mondschein baden gehen? Heftig flirten? Sich ein ganz klein wenig verlieben? Nicht immer nur Pferden und Hunden und Waisenknaben über die gebeugten Köpfe streicheln?"
"Sir Zeiber, Sie haben bestimmt schon eine Idee."
"Kremhild, schicken Sie die brave Khadifija doch einfach in den Räuberwald. Soll sie zu ihrem Eberhard radeln."
"Ausgezeichnet! Ich sehe die Schlagzeilen: ‘Verliebte Prinzessin flieht aus dem Schlosse ihrem Verlobten entgegen’."
"Genau. Setzen Sie ihr ein Blumenkrönchen auf, machen Sie ein Foto für den Anzeiger und geben Sie ihr einen Klaps auf den Hintern."
"Sir Zeiber, Sie sind genial."
"Verehrte Kremhild, wir sehen uns zum Nachmittagstee."
zurück zum Seitenanfang Um die rauchenden Reste des Kgl. Hauptrechners herum waren versammelt, hielten Consilium und schüttelten alle die Köpfe:

1. Der Geheime Reichsrechenrat Beitz
2. sein Stellvertreter Bittz
3. eine Gütige Fee vom Kgl. Technischen Dampfkundendienst
sowie 4. der Praktikant Lukas.

"Alles kaputt", meinte Sir Beitz.
"Man hätte rechtzeitig ein paar Balken nachschieben müssen", äußerte sich Sir Bittz.
"Jetzt müssen wir systemweit die Quellkiesel ersetzen", befand die Gütige Fee.
‘Da muß wohl einer in das Waldelfenreich, frische Kiesel besorgen’, dachte Lukas.


"Was für eine gute Idee. Paps wird sich riesig freuen. Eberhard natürlich auch."
Mutter und Tochter sowie der Kgl. Fuhrparkshauptleiter Sir Stow standen in einem Seitenhof des Schlosses. Ein Bediensteter führte Khadafijas nagelneues tannengrünes Bergrad vor.
"Sie brauchen das nicht im Kreis herumzuschieben", bellte Sir Stow. "Das ist ein Rad und kein Gaul."
"Siebzehn, achtzehn ... das hat ja mehr Gänge als ein Festdiner", wunderte sich Kremhilde. "Entfernen Sie bitte den Kgl. Wimpel. Wir radeln inkognito."
"Mama, haben wir denn kein kleineres Zelt? Ohne doofe Standarte? Vielleicht in Blau? Oder Rosé? Ach liebste Mama, ich freu mich ja so!"
"Khadifija, ich möchte Dich noch um etwas bitten ..."
"Keine Sorge, Mama. Ich bleibe immer auf dem rechten Weg. Morgens und abends zauberspiegle ich Dich an, damit Du auch immer weißt, wo ich stecke. Falls ich zufällig auf die Balderschwanger Räuberbande treffe, bestelle ich allen herzliche Grüße von Dir und Papa. Und wenn die Bande den Wald nicht besser aufräumt und in Schuß hält, dann werden diese Halunken von mir alle zur Friedensmarine versetzt.
"Khadifija, ..."
"Weiterhin, Mama … Ich spreche jeden Fremden an und frage, ob ich ihm irgendwie nützlich sein kann. Für die Hunde habe ich kleine Kuchen, für die Kinder nette Schüttelbilder eingesteckt Soll ich nicht doch den kleinen Umweg machen und das Forstwartgenesungsheim in Schärzhausen besuchen?"
Die Königin stöhnte laut auf.
"Khadifija. Du reist gefälligst unerkannt. Bist auf Vergnügungstour. Läßt einmal die Seele baumeln. Zepter und Krone! Amüsier Dich gefälligst, sonst wirst Du wirklich enterbt! Und zieh Dich endlich um. So radelst Du mir nicht los! In dieser Rüschenbluse, da schwitzt Du Dich ja zu Tode. Zieh vor allem den albernen langen Rock aus!"
"Aber Mama!"
Was hast Du eigentlich gegen kurze Hosen? Wenn ich Deine schönen langen Beine hätte ..."
"Mama!"
"Khadifija. Es ist schließlich Sommer!"
"Ist das nicht ein herrlicher Sommertag!", rief König Alfons aus. Doch was höre ich da in der Ferne? Fröhliche Weisen aus herrlichen Kehlen!"
Alfons und Eberhard standen und lauschten. Ihre Flinten hatten sie nach Jägerart über die Schulter gehängt. Eberhard wischte mit einem fein parfümierten Schweißtuch die Stirn.
"Mir scheint ... könnten das nicht vielleicht Ihre verdanischen Nachtigallen sein? Diese vorzüglichen Gebirgsnachtigallen? Das Damenterzett Harmonika?"
"Eberhard, Sie Connaiseur! Das war trefflich geraten. Moni, Vroni, Toni und Irmentrud, unser beliebtes Damenquartett. Ja, was tun die denn hier im tiefsten Waldesgrund?"
"Ja, was suchen die hier? Mir scheint, dieser Forst ist ein guter Ort für unverhoffte Begegnungen."
"Eberhard, liebster baldiger Schwiegersohn, ich verspreche Dir, das wird noch ein fröhlicher Abend!"

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