hosted by brain-affairs webservices



[Start] [Märchensammlung] [Marktplatz] [Kritiken] [Mail] [Besucherbuch] [Impressum]
 
Teil 1
Es war einmal eine Königin, die hatte ein Problem.
Es wartete geduldig vor ihrem Bett. Mit einem Frühstückstablett in den Händen.
"Liebste Mama? Bist Du schon wach?"
Die königliche Mutter rührte sich nicht. Porzellan klirrte leise. Das Problem stand still da und wollte nicht gehen.
Tee und Knusperhörnchen dufteten, das Glas mit frisch gepresstem Saft war außen beschlagen, das Staatsblatt von heute, untadelig in der Mitte gefaltet, noch ungelesen.
Hübsch auf dem Frühstücksteller lag ein Zweiglein winzig kleiner Residenzrosen.
Alles just nach Sonnenaufgang von der eigenen Tochter gebracht.

Khadifija war bereits ausgeschlafen, gewaschen, das Haar ausgiebig gebürstet. Sie roch heute morgen wie immer nach Zimt und Vanille und nach einem Hauch Kampfer. Sie war heute morgen wie immer zwar untadelig, doch auch ein bißchen zu bieder gekleidet. Alles in allem unglaublich süß, jedoch irgendwie proper. Schon als Kind schrecklich altklug gewesen. Ihr schönes, bernsteinfarbenes Haar trug sie streng aufgesteckt; typisch Khadifija!
Wahrscheinlich hatte sie bereits eine Stunde lang mit ihren Lehrbüchern verbracht. Hatte Zahlen, Pläne, Dampfgeräte studiert …
’So große grüne Elfenaugen. Und so dünne Ärmchen!’, dachte die Königin. Musterte besorgt ihre Tochter und verkündete:
"Ich bin nicht Deine liebste Mama. Ich bin die unausgeschlafene, gar nicht königlich gelaunte, ziemlich gequälte Mutter einer Nervensäge. So!"
Zepter und Krone! Jetzt war die Gute auch noch geknickt.
"Kind, was hast Du nur so dünne Arme."
"Ich weiß auch nicht, allerliebste Mama."
zurück zum Seitenanfang "Mama, möchtest Du, daß ich Dir aus der Zeitung vorlese?"
"Verschwinde - Khadifija, ich habe doch nur Spaß gemacht. Komm, setz Dich zu mir. Lies mir schön vor."
Khadifijas Stimme war einerseits klar und rein wie das Murmeln einer Quelle. Andererseits irgendwie spröde; so wie ein Finanzbericht von Oberstaatsrat Knörrle.
"Dabei ist sie doch hübsch. (Fast) noch hübscher, als ich es einmal war. Eine wahrhaft elfenhafte Prinzessin", sinnierte die Königin.


"Was bringt der Treue Staatsanzeiger heute?", dozierte die Tochter. "Auf Seite eins: ‘Das ganze Reich macht Sommerpause’, ‘Eiskrem- und Soda-Umsätze im Hoch’, ‘König Alfons verfehlt Zwölfender’" ...
"Das zuerst", befahl die Mutter.
"Gewiß, liebste Mama. ‘Unser aller Guter Herrscher Alfons weilt bekanntlich im Alten Räuberwald. Wie jeden Sommer. Mit von der Jagdpartie sind die drei Duodezfürsten, der Botschafter von Oregonien, bewährte Kabinettsmitglieder und das traditionelle Rollende Fäßchen Jägertee. Eingeladen wurde heuer auch Prinz Eberhart, der blendende, jugendlich wirkende Verlobte unserer Lieblichen Landestochter, Prinzessin Khadifija. Auf unsere Frage, ob der Kronprinz ...’- Liebste Mutter, noch eine Tasse Tee? Da war der Herr Papa gestern aber nicht besonders erfolgreich!"
"Kind, lenk nicht ab. Lies schön die nächsten Zeilen."
"Flugwarnung: Aarkvardius, der salamanderrote Drache ..."
"Khadifija, den letzten Artikel!"
"Sofort, beste Mama. Wo waren wir stehen geblieben?"
"Wir waren nicht stehengeblieben, du hast abgelenkt! ‘Auf unsere Frage, ob der Kronprinz’ ..."
"Wenn Mama es wünscht ... ‘ob der Kronprinz seine Zukünftige, die Gute Khadifija’ … bla, bla, bla."
"Gib einmal her .... Wo steht das? ... ob dieser bornierte Esel Eberhard Dich wieder einmal öffentlich blamiert hat ... sieh an, das hat er: "Khadifija verkörpert auf unglaubliche Weise die moderne Prinzessin von heute. Wir leben nun einmal im Zeitalter der Dampfgeräte und Rechenschieber. Khadifija und ich halten Vernunft und Staatsraison für wichtiger als eitle Laune und Liebe." - Seit wann beherrscht denn dieser Hilfshosenträger so schwierige Wörter wie Staatsraison?"
"Ich hab’s ihm aufgeschrieben, liebste Mama. Eberhard brauchte das nur vom Blatt abzulesen."
Die Königin stöhnte laut auf.
Gerade im selben Augenblick, im Großen Dampfrechenraum des Kgl. Palastes, dachte Lukas: ‘O je. Das schaut gar nicht gut aus.’
Aus der eisernen Verkleidung des Oberrechners pufften weiße Wölkchen.
Sir Beit, der Geheime Erste Reichsrechenrat, stand am Bedienpult und kurbelte energisch das große Hauptrad hoch. "Jetzt besser so?
"Eher schlechter, würde ich sagen", rief Lukas zurück. "Wenn wir nicht schnell ein paar Balken drunterschieben, stürzt uns noch das ganze System ab."
"Ach was. Das hält. Ihr Praktikanten seid doch allesamt ängstliche Dampfnudeln. Alles klar für den Warmstart?"
"Nicht ist klar, Sir! Behalten Sie bloß den Druckmesser im Auge!""
Lukas, Oberstudent am Kgl. Recheninstitut in der Hauptstadt Verdana und Praktikant am Kgl. Hauptpalast eben dort, verzog sich schnell in den Nachbarraum.
Ein künftiger Dampfrechenmeister rechnet eben stets mit dem Schlimmsten.

"Ja, so ist das, verehrter Prinz Eberhard. Wie jedes Jahr wird heute abend das Damenquartett Harmonika völlig überraschend auf unsere fröhliche Jagdgesellschaft stoßen." Dies erklärte zur selben Zeit im Räuberwald der Botschafter von Oregonien. "Das ist eine formidable Gelegenheit zu zeigen, wie leutselig Sie sind."
Auf Eberhards Stirn perlten Schweißtropfen. Die Joppe saß ihm zu eng, die Stiefel drückten, der ganze Wald war ihm nichts als eine feuchte, blättrige, borkige, dunkle Zumutung.
"Heißt das, wir müssen nach dem vielen langen Jagen auch noch singen?"
"Zwitschern werden wir, edler Eberhard. Aus vollem Herzen zwitschern, so wie diese netten Vöglein hier um uns."
zurück zum Seitenanfang Ganz woanders, in der nördlichsten Ecke des Räuberwalds, klang dumpf ein Horn über das Land. Eindringlich und immer lauter. Auf einmal brach es ab.
Im Dorfe Nemmerlang, unter der großen Linde, versammelte sich die Kgl. Freiwillige Drachenwehr.
"Alle Mann beisammen? Und das Gerät? Steht bereit?"
Der Drachenaufspür- und Bekämpfungswagen glänzte, schimmerte und dampfte flott aus allen Rohren. Die Hauptwarnleuchten rotierten in den Landesfarben Blau, Gelb und Weiß.
Dorflehrer Adam, der Drachenbeauftragte für den gesamten Landkreis Oberer Räuberwald, inspizierte seine Freiwilligen. Die Uniformen saßen. Die Augen glänzten. Der Mut war gut. (Zumindest dafür, daß Adam nur Amateure befehligte.)
"Wohlan, für König Alfons, Königin Kremhilde und für das Familienland!"
"Für Alfons! Für die Königin! Für unser Familienland!"


Von allem dem und noch viel mehr wußte im fast selben Moment schon Sir Zeiber, der Große Alte Dampfmeister. Nicht, weil er von seinem schwindelhohen Turmfenster aus fast das gesamte Reich erschaute. (Immerhin konnte man vom Studierzimmer aus die Verdaner Bucht sehen und im Küchenfenster, an klaren Tagen zumindest, die Nemmerlanger Nadelspitzen.) Auch nicht, weil Sir Zeiber zaubern konnte. (Na ja, Wünscheln und Rutengehen, das lernen die Kinder heutzutage schon in der König-Alfons-Grundschule.)
Den anderen stets einen Schritt voraus, immer besser belesen als jeder Verdaner war Sir Zeiber, weil er die Morgenausgabe des Getreuen Staatsanzeigers abonniert hatte.
Die meisten Bürgerinnen und Bürger blättern ja gern in den Meldungen von heute. Einigen Zeitgenossen macht es gar nichts aus, abgestandene Nachrichten von gestern aufzuwärmen. Aber heute schon die Ereignisse des folgenden Tages zu verfolgen - dazu waren nur sehr, sehr wenige auserwählt. Der Große Alte Dampfmeister zum Beispiel. Wer nicht mehr ganz im Heute und noch nicht so recht im Morgen lebt, der stellt eben andere Ansprüche an die Qualität einer Zeitung.
Heute nachmittag würde Prinzessin Khadifija dem Getreuen Staatsanzeiger ein rares Interview gewähren. Der Große Alte Dampfmeister las es schon jetzt - und schüttelte bedenklich das Haupt.

Ehrerbietige Frage:
"Prinzen, Ritter, seßhafte Sänger, die gesamte Blüte des Landes schart sich um Sie, Edelste Khadifija. Und alle diese Helden sind von Herzen bereit, gegen eines Ihrer schönen Haarbänder fleißig Lanzen zu brechen, Bären zu fangen oder gar Drachen zu töten. Sie aber schlagen Ihren Verehrern ein Freiwilliges Verdanisches Jahr vor."
Khadifijas Antwort:
"Ja ist es denn nicht viel vernünftiger, wenn diese jungen und engagierten Menschen Feuchtbiotope und Radwanderwege anlegen? Sich um lese- und rechtschreibschwache Erwachsene kümmern? Oder auch einmal in einer Suppenküche Rübchen schälen! Anstatt sich immerfort um Haarbändel, Schnupftücher und Sandalen zu prügeln?"
Nächste ehrerbietige Frage:
"Prinzessin, Ihre Verlobung mit Eberhard XIII. aus Oregonien hat allseits Befremden, ja Bestürzung ausgelöst. Wurde Ihnen an der Wiege nicht rundheraus eine ‘Liebe so heftig wie ein Berggewitter, so mächtig wie ein Nordland-Drache und so süß wie der wilde Honig aus dem Waldelfental’ geweissagt? Dies noch vor Ihrem achtzehnten Wiegenfest? Ihre Elfentante Elsbeth verweigert unserem Waldkorrespondenten dazu leider jeglichen Kommentar. Der oregonische Kronprinz mag ja im Herzen jung geblieben sein, doch ist nicht bekannt, daß er je spontan stürmische Zuneigung ausgelöst hätte ..."
Khadifijas Antwort:
"Papperlapapp! Mit Schwärmerei und Romantik können Sie doch heute kein Reich führen! Um künftig zu bestehen, müssen Oregonien und unser schönes Verdanien sich vereinen, muß der erst einmal der ganze Hofapparat verschlankt und entschlackt werden. Pro Königreich eine Zauberhochschule, eine Feenakademie, ein Schwanensee! Das ist in höchstem Maße unwirtschaftlich!"
Letzte ehrerbietige Frage:
"Lebt aber nicht jedermann höchst zufrieden und glücklich damit, Edelste Prinzessin? Hierzureiche wie jenseits der grünen Grenze, drüben in Oregonien?
Khadifijas Antwort:
"Zufriedenheit, mein Herr, ist ein dichter Nebel. Der Fortschritt dagegen, das ist wie ein Nebelscheinwerfer. Ich sehe die Zukunft klar und deutlich vor mir. Haben Sie noch weitere Fragen?"
zurück zum Seitenanfang weiter zu Teil 2

[Start] [Märchensammlung] [Marktplatz] [Kritiken] [Mail] [Besucherbuch] [Impressum]

hosted by brain-affairs webservices