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Als sie wieder erwachte, lag sie auf dem Sofa. Der Geist thronte vor ihr; im Schneidersitz auf dem Tisch.

"Bevor wir unseren Kontakt zu beiderseitigem Vorteile nutzen, solltest du eines schon wissen", begann der flackernde, an seinen Rändern schnell ausfransende Mann.

Jorma knabberte an ihrem Daumengelenk; besah interessiert ihre Finger. Das klare Weiß ihrer Nägel. Eine blaue Ader. Das weiche Weiß ihrer Haut.

"Ein paar wenige aus dem mir anvertrauten Kreis, etliche also, eigentlich alle. Sie sind mir früher oder später verstorben. Um einiges früher sogar. Dies preiszugeben, gebietet die Fährnis."

"Der Tod ist nur ein längeres Schweigen", dachte sich Jorma. "Und da ich mein Schweigen nicht breche, bin ich schon so gut wie gestorben."

"Jorma, du singst alle Tag wie ein Vögelchen, plapperst immerfort wie ein spielendes Kind. Die Milch deiner Gedanken nährt alle möglichen Geister. Ehrlich gesagt."

Jorma dacht: "Die Welt war nie anders, als ich sie mir vorstellte. Und was ich mir vorstellte, trat ein. Aber dich, deinesgleichen, das möcht ich mir nie ausdenken müssen. Geschweige denn mit dir verkehren."

Der Geist lachte auf. Ein helles, kokettes Mädchenlachen, als ob er zeigen wollte, wie sehr er Jormas Gegenwart, ihren Witz schätzte.

"Ein Geschäft. Zu beiderseitigem Vorteil. Hoffe, du gehst nicht zugrunde, bevor du deinen Part einlöst."

Jetzt wars an Jorma, lautlos zu lachen. Das Jenseits, die Hölle, wer immer. Dort handelte, spekulierte man offenbar nicht weniger dreist als hierorts.

"Was bietest du mir? Das Wissen der Welt? Kannst du behalten. Glück? Reichtum? Das Leben offenbar nicht."

Das Irrlicht vor ihr rollte heftig die Augen.

"Jorma, Jorma, ich bin ein Bote. Ein Grenzgänger nur, der geschickteste nicht und glaub mir, ich komme nicht gern. Schlag ein, stimme zu, entlass mich möglichst schnell mit guter Nachricht."

"Dich loswerden? Alles tu ich dafür," sagte Jorma laut.

"So fahr mich auf den Berg."

"Welchen Berg?"

"Den nächsten. Den höchsten. Den mit dem Feld, auf dem dich der Blitz trifft. Keine Angst, ich reiße nur Witze. Auf irgendeinen."

"Jetzt gleich?"

"Gleich jetzt."



So kutschierte Jorma ihren Geist in der selben Nacht noch durchs Tiefland und hoch hinauf ins Gebirge. Und wäre sie nicht starr und verstockt gewesen vor blanker Wut, sondern ein wenig geschmeidiger, ein wenig gesprächiger, sie hätte vielerlei Geheimnise vom Tanzmann erfahren.

"Du brauchst nur zu fragen", lockte ihr Nachtmahr. Grau, in sich gerollt wie eine Spinne im Staub, so drückte er sich neben ihr in den Sitz.

Jorma schwieg. Beleidigt war sie, weil ihr das passierte. Ihr ausgerechnet. Na schön, eine Frage würde sie stellen. Eine einzige. Immer zu fragen ist ein Ausdruck von Schwäche. Nie zu fragen ein Zeichen der Dummheit.

Der Schreckensmann seufzte.

"Ach Jorma. Kein Geist kann dir diese Frage beantworten."

"Ich hätt es mir denken können", dachte Jorma. "Und warum nicht?"

"Worauf du anspielst, das ist nicht wirklich; wir Geister schätzen das nicht. Dabei hat diese Sache durchaus Gewicht. Am Indus baut man feine Waagen, dort spürt man sie auf. Nur dort. Aber hierorts. Du merkst selbst: es fehlt, was dir fehlt. Zählst du nach, fehlt dir nichts ..."

Und so plapperte der Geist immerfort.

"Zurück mit dir. Dorthin, wo du herkommst", rief Jorma dem Schatten neben ihr zu. „Sich feig ins Paradoxe retten, so haben wir nicht gewettet."

Die Straße stieg an, Kurve um Kurve, wurde um einiges enger. Jorma fuhr durch waldschwarzes Dunkel. Es war gar nicht so, dass sie ihren Gast hochkutschierte, er lockte sie vielmehr fort in die Berge, fort von den Menschen. Als ihr dies auffiel, wandte Jorma sich um, doch der Sitz neben ihr war leer.

War sie ihren Geist losgeworden? Erwartete er sie dort oben?

Auf einer Nebenstraße erreichte Jorma den Gipfel, stellte den Wagen ab, ließ ihn unverschlossen stehn, stapfte über das freie Feld.

Unter ihr, in der Ebene, verbarg Nebel die Lichter. Wolkenfetzen trieben über Jorma hinweg, nachtblaue Schlieren auf grau getränktem Grund. Zum ersten Mal war sie an einem Ort angekommen und hatte vergessen sich zu fragen, was sie da sollte. Sie stapfte mit großen Schritten über das Feld, die Hände in den Taschen vergraben, stolperte, fing sich, setzte sich nieder. Ihre Hände pflückten Steine und Gras.

Gar nichts Außergewöhnliches passierte, wenn man bedenkt, dass Morgen für Morgen ein milchiges Glimmern, ein verschütteter Lichtglanz von Osten her aufkommt, dass es dort über den Kuppen unmerklich heller wird, bis erste gelbe Strahlen den Himmel abfingern.

Jorma saß auf der Erde, in jeder Hand einen Stein und sah blinzelnd zu. Und als es endlich gut war, stand sie auf, schüttelte die Erde ab, verließ diesen Ort und fand bald den Heimweg.

[Scherzheim, 6. – 7. 2. 2000]
© 2000 Gerhard Winkler (Text)

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