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Von der Dorfstraße geht ein Pfad ab. Drüben zwischen den Häusern. Ein Durchlass eher, begrenzt von einer Hecke, einem Drahtzaun. Der Weg fällt nicht weiter auf. Wer ihn doch bemerkt, stellt sich vielleicht vor, wie er dort eindringt und schon nach wenigen Schritten auf jemanden stößt, der in seinem Winkel harkt oder umgräbt, in jedem Fall erschrocken aufschaut.

Der Durchgang führt zu einem bemerkenswert schmalen Brücklein. Das überspannt einen Bach, in dessen graugrünem Wasser daumenlange Fische stehen. Auf der anderen Seite ein Haus. Dort zog Jorma ein.

In eine Wohnung, winzig klein und doch unüberschaubar, so dass Jorma allerhand Dinge verlegte oder vermisste oder einfach nicht wieder fand. Wo waren ihre Steine? Wo der grüne Tonbecher für ihre Stifte? Und die Buntstifte selbst?

Sie saß am Tisch, ihr Kinn auf einen Handballen gestützt, ihre Nase machte sich lang am langen Rücken ihres Mittelfingers. Sie roch an der Haut, bezog daraus Trost. Eine Müdigkeit lag dick wie milchtrübes Glas zwischen ihr und der Welt.

In welcher Kiste, in welchem Leben waren ihre Steine geblieben? Am Wegrand aufgeklaubt, von einer langen Wanderung mitgebracht, sorgsam gewaschen, dann am Fensterbrett oder später einmal auf einem schwarzen Brett in Jormas Regal aufgereiht. Fünf rote Quaderstückchen. Die formten überall die selbe kleine Säule. Fein gesprenkelter Granit aus einem Felsbruch im Staatspark. Ein glasierter Stein, aufgelesen auf einem Gipfel, dessen Osthang Tag für Tag unter grauen Regenwolken liegt, die westliche Flanke stets in der gleißenden Sonne. Es heißt, wer vom Vulkan, von dieser Insel auch nur den kleinsten Brocken verlegt, in seinem Gepäck mit hinaus in die Welt nimmt, der hat bald keinen Grund mehr zur Freude.

So stands damals geschrieben, in einer Broschüre. Jorma hatte den Text überflogen, hatte eine Weile über das flimmernde Kraterrund geschaut. Und das Heft schließlich zur Seite getan. Man verfängt sich ja doch nur in keinem anderen Fluch, als den man sich selbst auferlegt.

Das war länger her und in den Jahren seitdem hatte der Berg wie im Zorn schwarzrote Glut hoch ins Blaue geschleudert. Unvermittelt schoben sich von einem Bildrand aus andere Erinnerungen in den Vordergrund. Geräuschlos, harmlos zunächst, wie weiße Spielzeugdampfer. Sie hüpften auf und ab, drehten sich im Kreis, wollten Anker in Jormas Gedächtnis werfen. Die Vergangenheit, eine träge Flotte an Geisterschiffen. Jorma wollte sich jetzt nicht und nie mehr erinnern.

Was gut war, war schlecht und was schlecht war, das hatte die Zeit überdauert.

Wenn sie nur frei darüber bestimmen könnte, was ihr durch den Kopf ging. Dann wäre er rein und klar. Jorma schüttelte alles ab, sprang vom Tisch auf. Ihr Herz hatte es eilig; wollte auf und davon und allein sein.




Dünn wie ein Strich war Jorma geworden. Doch sie wanderte durch das Dorf wie ein leibhaftiges Fragezeichen.

Sie arbeitete lang und besuchte abends das Brücklein. Dessen eisernes Geländer war im Sommer angenehm kühl gewesen, jetzt aber war's eisig. Das Wasser unter ihr glitzerte schwarz. Das Laubwerk ein bauchiger, wispernder Schatten. Dies alles wäre zum Fürchten gewesen, wäre Jorma nur eingefallen, wovor.

So gedankenleer, so geistesabwesend stand sie über dem Wasser. Vielleicht war sie wirklich von allen Geistern verlassen, von den guten, den schwachen, den bösen.

Ob sie zur Ruhe kam? Dazu musste Jorma sich seufzend ins Bett legen, lange lesen, endlich einschlafen, aufwachen und weiterdämmern. Mit offenen Augen lag sie dann da, betrachtete das hellgraue Fenstergeviert. Den Vorhang zog sie nie zu. Sie ertrug die Nachtschwärze schlecht.

An einem frühen Morgen stand draußen im Garten ein Schatten, eine Figur, wie herausgerissen aus schwarzem Karton. Das absurde Wesen bewegte sich, verdeckte halb den Fensterrahmen. Das hieß aber, wie Jorma plötzlich erkannte, es befand sich sehr wohl bei ihr im Zimmer. Die Gestalt tanzte auf der Stelle, hüpfte auf und ab. Rüttelte sich und schüttelte sich, gerade wie das armselige Bäumchen im Kindergedicht. Jorma musste lachten. Das Wesen kippte weg, verschwand; hinter dem Schrank oder sonstwo. Jetzt erst knipste Jorma die Lampe auf ihrem Nachttisch an. Licht lag plötzlich gelb und schwer auf der Wand, auf dem Fenster.

Später fiel ihr auf, dass sie ihren tolpatschigen Traumtänzer nicht bloß geträumt hatte. Wer schläft, der verliert die Herrschaft über Arme und Beine. Jorma hatte aber sofort nach dem Lichtschalter getastet, gleich in jenem Moment, als sie ihren Geist erblickte.

Mit den Jahren lernt man, nicht alles, was man sieht, als gegeben zu nehmen. Vor der Haustür lag ein gelbschwarzes Blatt. Vielleicht ein Brief vom Baum gegenüber. Jorma las ihn auf, nickte dem stämmigen Koloss im Vorübergehn zu. Besser, man hielt sich mit allem im Einklang. Das war nicht leicht. Sie wusste, durch sie ging ein Riss und durch den pfiff der Herbstwind.

Um so besser sah sie aber in sich hinein. Die tanzende Jammergestalt stammte von keiner äußeren Welt und gewiß von keiner Sphäre dahinter.

"Als ob mir das Männlein zeigte, wie sehr ich auf der Stelle trete." Jorma gähnte. "Na prima, ich seh schon Gespenster. Was kommt als nächstes? Vielleicht hör ich bald Stimmen."



Jormas glasschwere Müdigkeit ließ sie manchmal vergessen zu lächeln. Doch sie achtete darauf, sich in ihre Umgebung einzufügen. An diesem Tag lief alles gut. Sie hatte den nächtlichen Vorfall fast vergessen, als das Telefon läutete. Jemand blies ihr rauhen Wind in den Hörer:

"Rütteln und schütteln? Soso. Bin doch keine Gliederpuppe."

Das Tanzmännlein. Jorma schaltete sofort, drückte den Freisprechknopf, alle im Raum sollten die Stimme gut hören. Sicher ein Halbverrückter vom Dorf. Der musste doch einschlägig bekannt sein.

Die Stimme changierte zu einem leichten Frauenlachen.

"Dummer Kerl Jorma. Wenn die andern mich hörten, das wäre ein Schreck."

Jorma schaute sich um. Die Kollegen waren mit sich selbst, mit ihren Aufgaben beschäftigt.

"Stimmt nicht, lachte die Stimme. Jakob merkt sich jedes Wort, jede Bewegung von dir."

Da warf Jorma rasch den Hörer auf. Ihr Kopf ein Dröhnen, ihr Leib eine Zitterpartie. Unwillkürlich presste sie die rechte Hand an den Kopf, legte sie drei Finger fest auf die pochende Schläfe, führte sie den kleinen Finger an ihre Lippen. Tröstete und beruhigte sich nach und nach. Ihr Fingernagel, lang und milchig weiß. Sie zwang sich, an dieses Schimmern, an nichts anderes sonst im Leben zu denken.

"Glaubst du an Gespenster, Jakob?", rief sie quer über den Raum.

"Klar, aber die glauben nicht an mich", war die Antwort.

Jorma schaltete ihr Telefon stumm. Als einer nach dem anderen seine Lampe ausgemacht, seinen Mantel genommen und sich verabschiedet hatte, als fast der gesamte Raum schon im Halbdunkel lag, da schrieb sie eine Nachricht an sich selbst.

"Ich bin keine Grenzgängerin, ich war's nie gewesen, ich möchte nicht anders sein als die andern, nicht weniger wissen, nicht mehr erfahren und vor allem möchte ich keine Stimmen hören, sondern nur Stille und Leere und Abwesenheit."

Jormas Gesicht tauchte ein in das sämige Leuchten des Bildschirms. Sie schloss die Augen, badete im Lichtschein, wartete. Der Brief kehrte endlich zurück, ihr Text war ein wenig nach unten verschoben. Jetzt stand am Anfang:

"Man muss nicht nahe einer grenzluinie stehn, umden Blick derer jenseits der grenzen auf sich zu zienh."

"Hau ab."

Jorma tippte das schnell und wütend, jagte ihre Antwort zurück, schaltete alles dunkel, verließ die Stätte, marschierte energisch durchs Dorf. Nur Katzen unterwegs. Und in den Höfen warteten Hunde.

Wieder am Tisch, wieder den Kopf in die Finger gestützt, die müden Augen, die Brauen mit den Daumenkuppen massiert. Eine dünne Stimme unter der Zeitung: "Jorma, Jorma, weißt du noch? Als Kind hast du gedacht, sobald man erwachsen ist, versteht man die Welt".

Jorma schlug nach dem Blätterhaufen. Eine Kröte hüpfte hervor. Jorma schrie. Die Kröte fiepte, trippelte eilig davon, fiel vom Tisch, floh im Mäuselauf unter das Sofa. Vorsichtig, mit einem Schuh bewehrt, schlich sich Jorma an.

Das Möbel ruckelte, hob und senkte sich, eine Gestalt schob sich ans Licht, dünn, scharfkantig, ausgefranst. Wie aus einem Bild gerissen. Der Geist sprach:

"Was trittst du stolz auf? Das hier ist nicht dein Platz. Deinen Platz, den kennst du noch gar nicht."

Und er fuhr fort:

"Hochmut nimmt Schaden, Jorma. So geht man nicht mit dem Entsetzen, mit dem Ensetzlichen um. Bin schließlich keine Witzfigur, nicht? Warum? Muß dich nur anfassen. Nur kurz und sachte berühren. Zum Beispiel."

"Der Tod ist nur für Feiglinge schlimm", dachte Jorma und schlug nach dem Geist.

Da kam sie zu Fall.

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