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  Die Fee auf dem Hof
Die Alte stand vornübergeneigt in den Zwiebeln. Sie wandte sich wie selbstvergessen um, nach einem Geräusch, einem Vogellaut. Gerade da fiel es ihr ein. Mit einem Mal, so leicht, wie ein Tautropfen vom Blatt gleitet, kam es ihr in den Sinn. Jetzt passte alles. Das Bild stand klar vor ihr, als hätte sie in blitzschneller Wendung die ganze Welt in einem Spiegel aufgefangen. Kein Zweifel: Hier auf dem Hof war ein Fremder.

Drei Zwiebelknollen in ihren Händen; feucht, kühl, lehmig und fremd. Mit einem Finger streifte sie Erdkrumen ab; die fielen unbeachtet zu Boden. Auf dem kurzen Weg vom Garten zum Haus schnurrte ihr eine Katze entgegen.

Endlich rückte alles zurecht. Hinter ihrem Rücken machte sich ein Eindringling zu schaffen. Doch wie sie so in einem fort dachte, stieß die Alte gleich wieder auf einen neuen Eimer quecksilbrig aufblinkenden Fragen. Die Katzen zum Beispiel. Sie schleckten die Milch nicht mehr von der Scherbe, sie drängten sich um die alte Schüssel. Wann war die ihr nur verloren gegangen? Von woher wieder ausgegraben? Und die zwei blaugefiederten Vögel. Sie nisteten unter dem Stalldach und waren doch längst über der Zeit. Es schien, als ob ständig einer der beiden in ihre Nähe hüpfte. Wollten ihr die zwei Gesellen ein ganzes Gesangbuch an traurigen Weisen lehren? Das waren geduldige und zugleich starrsinnige Lehrer. Und schließlich: der sauber gekehrte Platz vor dem Haus. Den querten von Mal zu Mal seltsame Fährten. Was kringelte da einer nachts in den Staub?

Viel länger, als ein Schößling braucht, um im Kirchhof bis zur Höhe der Dachgaube zu wachsen, um so vieles länger schon lebten Bauer und Bäuerin allein auf dem Hof.

Vor vielen Jahren, als man die Kilometersteine noch aus Granit schlug, war die breite Straße am Tal vorbei über die Hügel gezogen worden. Das Dorf lag seither wie am Rande der Welt. Das Gehöft fand sich noch ein gutes Stück weiter.

Drei Kinder hatte der Bauer an diesem vergessenen Ort gezeugt. Das erste in einer Winternacht, im Dunkel murmelnd, geschwätzig vor Glück. Das zweite an einem Märztag, weil die Sonne so hell gleißte. Und weil die Frau, ein violetter Schatten in der halb geöffneten Tür, weil damals die Frau ihn mit langem Blick hinein in das Haus sog. Beide Kinder blühten auf, spielten heiter, waren immer zufrieden, verstarben ganz plötzlich. So schnell, dass man hinterher nicht sagen konnte, welches der beiden zuerst. Oben im Wald zweigt ein Pfad ab zur Kuppe. Da liegen die zwei schon so lang nebeneinander. In einem umzäunten Karree. Das Kreuz mit den Namen berührt bald wieder die Erde.

Für das dritte Kind, einen Jungen, mußte der Bauer einen Abend, eine ganze Nacht lang flüstern, schmeicheln, betteln. Das Ungeborene trug sich nicht leicht. Es hüpfte und sprang schon im Bauch, als wollte es durchgehn. Nur hinaus in die Welt und dann fort.

"Immer fort", dachte die Alte, als sie abends Brot in die Suppe schnitt. "Immerzu fort."
Zwei Teller standen auf dem Tisch. Die Frau wartete, bis sich der Mann auf seinen Platz schob und rückte, dann erst gab sie den Schnittlauch auf. Wie alles hinab rieselte, immer so gleichmäßig fort. Jahr um Jahr fiel glatt durch ein Sieb. Was bleibt zurück? Schau selbst und schütt es dir nur in die Hand: Ein paar graue Steine.

"Da ist etwas mit dem Hof."
Der Alte horchte kaum auf, war mit sich selber beschäftigt. Die Frau erklärte: "Die blauen Vögel. Fliegen so frech in die Stube."
"Blau? Hast nie gesagt, dass sie blau sind", erwiderte der Alte.
"Und zwischen den Bohnen. Da versteckt sich ein Kraut. Das glimmert nachts. Hab‘s ausgerissen, gleich, wie ich’s sah. Aber es wächst immerzu nach. Hab dran gerochen. Davon gekostet. Da musst ich gleich den ganzen Tag weinen."
Der Alte wies stumm auf den Brotlaib; die Frau gehorchte. Wie sie die feuchtgraue Scheibe in Streifen schnitt, ein letzter Anlauf: "Gestern abend. War das Vieh plötzlich im Stall. Schon versorgt. Du warst so lang draußen im Wald. Ich hab drinnen Fisolen gezupft. Das Vieh. Das versorgt einer für uns."
Der Alte saß ganz klein, ganz in sich gesackt. In die Stube flossen Schatten und Stille ein wie dunkles Wasser. Der Bauer blieb stumm. Er nickte bisweilen am Tisch ein, noch vor dem letzten Bissen.
"Ich wollt gern wissen, was da ist auf dem Hof", durchschnitt die Bäuerin nach einer Weile das Dunkel.
"Ach, Weib", sagte endlich der Alte. " Das wird sie wohl sein. Das wird die Gute Frau vom Wald sein."

An diesem Abend hielten sich beide fest umschlungen. "Halt mich noch fester", sagte die Bäuerin. "Ich hab solche Angst".
"Ich hab Dich stets gehalten, so stark ich nur konnte. Das weißt du. Aber bald muss ich auslassen."
"Halt mich doch fester, immerzu fester. Lass mich nicht allein."
"Ach Frau. Meine Zeit ist gekommen. Die Gute Frau aus dem Wald zeigt es uns an."
"Lass mich nie los. Nie." So bat die Frau.
Die beiden saßen vor dem Haus, auf der Bank gleich neben der Treppe. Es wurde Nacht.

"Einmal, da wusst ich ja schon, dass es dich gibt. Einmal, an einem gar nicht besonderen Tag, da hatt ich zu tun. Sah dich auf einmal so deutlich vor mir. Grad wie eine Erscheinung. Du standst da. Vor der offenen Haustür, mit einem Blecheimer. Einen Eimer Wasser hattest Du an die Hüfte gestemmt. Die blaue Tür, davor dein aufleuchtendes Haar. Und der feste Blick, mit dem du mich ansahst."
Die Alte lächelte.
"Darum also hast Du mir den großen Blecheimer geschenkt. Zur Hochzeit; ausgerechnet. Was haben wir uns alle gewundert!"
"Und darum hab ich die Haustür noch im ersten Jahr blau angestrichen."

Am Tag nach dieser Unterhaltung fuhr der Bauer hinaus. An der Grenze, am Zaun hielt er den Wagen an. Und er wartete in der Sonne; starr und entschlossen. Wie einer eben dasitzt, dem das Warten alle Hoffnung ersetzt.
„Da geht es jetzt fort und ich will doch nicht weiter. Will die Linie noch nicht überschreiten. Noch stehe ich diesseits."
Wie er so saß, sich nicht rühren wollte, da kam doch etwas näher und auf ihn zu.
"Nun gibt es dich also", sagte der Alte. "Die Gute Frau aus dem Wald. Was man so alles erzählt. Du kommst auf den Hof, um zu helfen. Da muss bald einer weichen. Ach, glaub mir, ich zieh so ungern fort."
"Du brauchst nicht gleich gehn", erwiderte die Waldfrau. "Lass dir Zeit. Bring vorher noch alles in Ordnung."

Am Nachmittag zerschlug die Bäuerin den blauen Topf, scheuchte das Vogelpaar hoch hinauf in die Bäume, stapfte durch den Garten, einen Rechen in der Hand. Sie bellte und geiferte und heulte und schrie. Der Mut verließ sie auf den Stufen zum Haus. Ganz taub wurden ihr Beine und Leib. Sie sank hin, versteinert im Zorn. Etwas berührte sie. Ihr Mann war endlich heimgekehrt. Es war wiederum Abend geworden.

In diesen Nächten schlief der alte Bauer so heiter wie leicht. Immerfort musste er lachen im Traum. Er lachte sich Nacht für Nacht wach, doch sobald er aufschreckte, krampfte ihm das Herz. So unerbittlich und hart. Und das wehe Gefühl pochte heftig und immer so fort, als hätte es ein eigenes Leben. Da lag der Bauer beklommen im Bett und dachte: "Mein armes gefangenes Herz. Es will hinaus, das Weite suchen." Schnell schob er sich an den Rücken der Bauersfrau, schloß sein trauriges Herz fest ein zwischen ihrem Leib und dem seinem.

An einem schönen Morgen sagte schließlich der Alte zur Frau: "Mir wird kalt. Lass uns ein wenig in der Sonne aufwärmen." Er ließ sich hinausführen, sie setzen sich auf die Bank, hielten sich steif und gerade, saßen da mit geschlossenen Augen. Die Hand der Bäuerin ruhte in seiner. Etwas Leichtes kam auf, Fingerspitzen ertasteten ihn sacht, griffen nach seiner freien Hand. "Mein Schicksal. Es liegt darin." Das sagte der Alte, dann überkam ihm ein nachtschwarzer Schlaf.

Die Menschen sehen nur das, was schon in ihrem Kopf ist. Darum erschien die Gute Frau der alten Bäuerin als dunkles Wesen, gekleidet in einem knöchellangen, weiten Gewand. Die Alte nickte ihr zu wie einer guten Bekannten. Zusammen wuschen die Fee und die Alte den Leichnam des Bauern, kleideten ihn mit frischer Wäsche, schmückten die Totenstube aus. Zum Begräbnis fuhr endlich der Sohn und Erbe aus der Stadt vor.

Der war anfangs in sich gekehrt und bitter. Bald aber fand er mehr und mehr mit der Mutter zu bereden. Und wann immer die Gute Frau ihn etwas hieß, tat er es eifrig. Ihm war, als sei er nach langer Fahrt endlich ans Ziel angekommen.

Einmal studierte er gebannt, wie sich ein weißes Würmchen auf einem Staudenblatt ringelte und nach und nach vorschob zum Blattrand. Als es
abglitt und fiel, da fing der Mann es vorsichtig auf. Er setzte den kleinen Wurm sachte ins Gras. Beim nächsten Hinsehn war das Geschöpf schon verschwunden. Der Mann dachte: "Sie kommt vom Land und ich fange an, diesen Fleck Erde zu lieben. Aber in Wirklichkeit liebe ich vielleicht in allen Dingen hier diese Frau."

Ein andermal lauschte der Sohn, wie seine Mutter und die Gute Fee in der Kammer zusammen Wäsche sortierten.
"So ist also Liebe?"
"Ist dir das neu?"
"Ich verspüre soviel. Doch nicht das, was er fühlt."
"Mein Kind, er fühlt es nicht, er lebt es. Sein ganzes Glück steckt er in sein Unglück mit Dir."
"Dein Kind, das bin ich nun nicht. Bin ja selbst so alt wie der Wald."
"Bist dennoch mein Kind. Bist ja noch so dumm."
Die Fee lachte laut auf.
"Sieh, mein Bündel an Pflichten. Dein Sohn zählt gewiß nicht dazu."
"Du hast Angst."
"Wer weiß. Vielleicht. Er geht mir zu nah."
Die Alte erschrak.
"Wenn du ihn nicht magst, lass ihn los. Sonst bleibt er für immer gefangen."
"Bin ja selbst ganz verstrickt. Ich kann ihn nicht lassen. Er ist doch mein Schatz."
Der Sohn in seinem Versteck presste die Hände an die Schläfen.

So sehr hatte er Angst, ihr zu missfallen, dass seine Stimme brüchig wurde und leise.
"Wo ich lebe, ändert sich alles. Tag für Tag. Hier find ich die selben alten Steine wieder, so wie ich sie als Kind aufgelesen habe und am Rain aufgeschichtet."
"Und das ist schlecht?", wollte die Gute Frau von ihm wissen.
Wie konnte er das beurteilen? Was außer ihr sonst noch war auf der Welt, war ihm egal. Er hätte diese Frau ums Leben gern erkannt, doch fand er keine Instanz, bei der er sein kleines Leben dafür hätte eintauschen können. Er wollte sie sich für immer einprägen und merken und seine Liebe machte ihn deshalb nicht blind, sondern scharfsichtig. Sie war so dünn. Zweimal musste man hinschaun und er konnte sich dennoch nicht satt sehn.

"Ob das so schlecht ist? Wenn die Zeit stehen bleibt? Ach, wie sehr würd ich das wünschen. Erzähl ein wenig von Dir", bat der Mann. Die Gute Frau blieb stumm. Wer sie wohl war? Wo sie hauste? Manchmal wehte der Wind sein kleines Würmchen zu ihm. Oft blieb die Fee aus. Der Mann fand sie mal hier, mal dort auf dem Hof. Blieb sie fort, trübte es ihm den Tag ein.

Sie traf ihn, um bald wieder zu gehen. Sie hielt ihn fest und verstieß ihn zugleich. Ihre Stimme wurde hart. Gleich würde er wieder hören, dass ihr wahrer Platz anderswo sei. Manchmal verlor ihre Stimme allen Klang. Dann hätte er sich am liebsten in den Brunnen gestürzt, nur um seine liebe Fee von sich zu erlösen.

War sie verschwunden, wollte er lieber nicht wissen, wo sie sich aufhielt. Sah er sie wieder, wußte er nichts Besseres als bebend vor Eifersucht zu erforschen, von wem sie sich gerade losgerissen hatte.

Gestern war für ihn ein Freudentag gewesen, ein Glückstag über lange Stunden hinweg. Hand in Hand waren sie losgezogen. Der Mann hatte ausführlich und gestenreich vom schönen Leben in der Stadt erzählt. Und wie gern er die dünne Frau dort einmal sähe. Dann hatten sie am Fluß gelagert, hatten Kirschen gegessen, gemeinsam geträumt und leise miteinander gesprochen. Doch irgendwann war sie wieder wortlos aufgestanden. Im Wald verschwunden, vom Schatten verschluckt.

In der Nacht lag er wach. Wenn er sie doch herbeirufen, sie herbeiwünschen könnte. Sich bei ihr einmal Gehör verschaffen. Doch er ahnte: Wenn man sagen kann, dass es noch soviel zu sagen gibt, macht Reden keinen Sinn. In seiner Not fügte er Splitter vom Tag zusammen.

I
So fass ich die Kirsche
Am Stiel mit den Kuppen von Daumen und Index
Gerade so
Ihr Gewicht
Ihre feste und nachgiebige Haut
Ein Anliegen
wo mein Empfinden und eine dunkle Wölbung sich messen

II
Meine Kirschengabe
Die Frau am Stiel wartet geduldig
Bis ich ihn wieder nehme und löse
Von ihren Lippen
Aus dem weißen Gitter der Zähne

Dann sind wir unverbunden
Die dünne Frau spuckt den Kern aus und
Ich schnippe den Stiel in den Fluss.

III
Mit Dir ist gut essen
Dein Speichel spült, die Zunge schiebt
Eine Herzkugel von Deiner Kammer in meine
Diese Kirsche blutet schnell aus doch
Die Frucht unser Liebe ist Liebe

Du Gute Frau
Ich säe den Tag in Dein trauriges Herz
Kirschsteine pflanz ich in mein trauriges Herz

Soviel Glück im Unglück
Wie mag unser Glück sein

An einem traumhaft wirren, traumhaft schönen Tag las er diese Zeilen seiner Fee vom Bauernhof vor. Sie rasteten an einem Waldsee. Ein blauer Spiegel auf zartgrünem Grund, umschattet von dunklem Nadelgehölz. Zu seinen Worten bemerkte sie weiter nichts. Er betrachtete ihr schmales Gesicht, inständig, mit aller Aufmerksamkeit, so genau er vermochte. Und wann immer es ihm für eine Zeit gelang, seine Gute Frau zu fassen, da entglitt ihm die lichthelle Gestalt. Quecksilbrig, mühelos. Sie entschlüpfte ihm. Er würde sie niemals erkennen. Selbst wenn er sie besser verstand, mehr von ihr wusste als jedes andere Wesen auf dieser lichtlosen Welt.

"Du, leg Dich auf den Bauch. Streck dich aus. Ich will mich Dir auf den Rücken legen und ruhn." So bat sie ihn.
Er spürte ihren leichten Körper, spürte ihren warmen Atem an seinem Nacken.
Sie war tatsächlich auf ihm eingeschlafen. Jetzt, in dieser Minute, da wurde er so glücklich wie niemals zuvor in all den Lebensjahren. Er beruhigte sich, schlief bald selber ein. Und er träumte. Dass alle Welt, dass die Menschen so wunderlich, so komisch wären. Immerzu musste er im Traum darüber lachen, immerzu fort.

Und wie er innerlich lachend aufwachte, allein, verwirrt, da war ihm, als ob ein leichter Druck von seinen Schultern genommen wäre. Doch nur, um sogleich abgelöst zu werden durch einen neuen, gnadenlosen, niemals enden wollenden Druck auf sein Herz. Denn wie er so aufwachte, da war er allein.

Die alte Bauersfrau verlor in diesem Sommer ihren Mann. Sie verließ auch den Hof. Doch dies tat sie zusammen mit ihrem Sohn. Bevor er die Mutter in den Wagen setzte und mit in die Stadt nahm, in der Stunde vor dem endgültigen Abschied, da machte er ein paar Aufnahmen. Vom Haus. Der blauen Tür. Vom Garten. Die Abzüge zeigte er später niemandem. Er schaut sie nicht einmal selbst an. Doch im Kuvert mit den Bildern steckt auch sein Gedicht über ein Kirschenessen am Fluss. Und diesen Umschlag trägt er stets bei sich.



[München - Kensington; 14.-16. August 1999]
© 1999 Gerhard Winkler (Text)
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