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  Herz auf Wanderschaft
I

Es war einmal eine Frau, ihr Liebstes so weit entfernt. Da schickte sie getrost ihr Herz aus. Doch Liebe, die nicht wieder zu einem zurückkommt, die verläuft sich in einem dunklen Wald. Die Frau, Verfarina heißt sie, war dennoch gefasst: "Ich hab zwar vor lauter Liebe mein Herz aus den Auge verloren. Doch ist es stark wie die Spitze einer eisernen Lanze; es wird schon nicht in der Fremde verderben." Alle Leute lachten. "Hast dein Herz fortgeschickt, Verfarina, dummes Ding. Was gibt's an Finderlohn?"

Dort hinten, im Schatten der Arkade, da steht sie. Wie kann ich euch Verfarina zeigen? Diese schnell aufs Papier getuschte, immer beschwingte Gestalt. Wenn ihre drei Freundinnen sie doch nicht ganz und gar verdecken, sie vor uns abschirmen würden!

Große Neuigkeiten von Verfarinas fernem Schatz! Glühen ihre Wangen vor Freude oder vor Scham? Die jungen Frauen bilden einen quirligen Kreis. Schütteln die langen Mähnen. Fassen sich im Gespräch ganz bedeutungslos an Armen und Schultern. Ein Bild wie aus der Sonntagsbeilage der Zeitung: Vor uns die schönsten Fassaden. Doch das Quartett am Bildrand, das gut geschnittene Schwarz und Blau und Rot, es fasziniert uns weit mehr. Die üblichen Flaneure und Eckensteher prägen sich die Gruppe jedenfalls ein, mit kurzen, verstohlenen Blicken.

"Ihr wisst", sagte die Frau, die einst an einem sehnsuchtsvollen Tag ihr Herz auf Wanderschaft geschickt hatte. "Am Tag, als Vafanole die Stadt verließ ..."
"Da wehte ein Wind vom Land hinaus auf das Meer", seufzte Ciela.
"Da brannte der alten Scarpella der Nudeltopf an", bemerkte Mieline.
"Was war an dem Tag?", fragte Miatina, als ob sie's nicht genau wußte.
"Am Tag, als mein Vafanole die Stadt verließ, da sagte er mir: <Warte nicht, Verfarina, du Wurmkind. Mach dir keine Hoffnung auf mich. Hoffen, das ist so bitter.>"

"Ach", seufzte Miatina, die Schwarze. "Das ist wahr. Hoffnung ist ein Bitterkraut aus der Armenküche der Liebe."
"Und Verzweiflung die Trennkost der unglücklich Verliebten."
"Du verzehrtest dich mehr und mehr wegen diesem unausstehlichen Vafanole ..."
Mieline und Ciela, sowieso beide in Rot, entflammten vor Abscheu.
"Hast dein Herz nach diesem Kannibalen geworfen. Und jetzt ..."

Jetzt sah Verfarina ihre Freundinnen an, mit Augen so braun und rund und süß wie die Trüffelpralinen von Dolce di Lecce.
Miatina, fast schwarz unter dem schwarzen Kleid. Mieline und Ciela, zwei rote strahlende Sonnen.
"Und jetzt. Ihr ahnt es nicht. Wie soll ich's sagen? Am besten gerade heraus. Nein, ich sag's besser nicht. Oder doch. So, wie's passiert ist: Seht, mein Herz, mein armes Herz, es kam heute morgen zurück. Per Post. An meine Adresse. 1003, Via Montpaci. Hier, in dieser Schachtel, Poststempel nicht lesbar. Da ruht es. Der Schuft."

Jeder kennt die kleinen Pappschachteln vom Feinbäcker Bertone. Aus einer solchen bestand auch das schicksalhafte Päckchen. Nur war dieser Karton nicht mit Bertones extrafeinen Mehlwürmchen gefüllt. Die Sendung, die Verfarina den Freundinnen so verlegen wie überzeugt präsentierte, die muss man hier nicht gesondert beschreiben. Ohne Mühe sieht man ja die Schachtel vor sich: Das aufglänzende, glattgestrichene Weiß. Die Kante, wo etwas graues Papier freigeschabt wurde. Den schon beim Auftragen verwischten Stempelabdruck. Und die schon beim Beschriften beschmierte Adresse. Sieht man solche Dinge exakt, kann man jede Menge Fantasie einsparen. Davon hat's sowieso mehr auf der Welt, als ein Gärtner je einharken kann.

In einem solchen Karton, zwischen verblühten Rosen, da lag ein Herz, so steif und starr als wär es ein vom Himmel gefallener Vogel. Vertrocknet, eingeschrumpelt wie ein Apfel, den man im Herbst nelkengespickt auf den Kasten legt, im folgenden Frühjahr ganz verwundert wieder entdeckt. Ciela, Mieline, beide schrien laut auf. Miatina fasste sich an den Hals, an den Busen; ihr blieb die Luft weg. Wer dergleichen tat, der konnte selbst weder ein Herz besitzen noch Verstand.

"Sofort zum Staatsanwalt damit. Das klassische Beweisstück."
"Herztod aus Mangel an Liebe."
"Wenn man mich fragt: Ein Fall für das Liebesgericht."
"Das war Vafanole, diese Blase am Stecken."
"Mein Vafanole ist keine Blase am Stecken."
"Den darf man nicht zu fest drücken. Kommt sofort heiße Luft heraus."
"Apropos. Ich möchte dein totes Herz einmal näher besehn. Es vielleicht anfassen. Darf ich?"
"Ach, ich weiß nicht", meinte Verfarina.

"Dies ist nicht dein Herz." Ciela konstatierte es kühl und ernst.
"Aber meine Adresse auf der Schachtel ..."
"... sieht mehr nach einer üblen Machination aus."
"Eine Maschine? Ein Automat?", rief Miatina dazwischen.
"Miatina. Du bist enorm ungebildet. Fast so dumm wie ein Mann."
"Ich weiß. Ich hab so viel Mann in mir, dass ich ganz unerträglich wäre, wenn ich nicht zugleich so viel Frau in mir hätte."
"Komm zur Sache, Ciela. Warum sollte das nicht mein Herz sein, mein armes verlorenes, mein gequältes und jetzt retourniertes?", rief Verafina verwundert.
Ciela schwieg. Sie fasste sich augenscheinlich selber ein Herz, fasste mit spitzen Fingern in die Schachtel, hob die verdorrte Form ans Licht und ließ sie sogleich auf das Pflaster fallen.

Na sowas. Das Gebilde zersprang auf dem Stein. Zerplatzte, enthüllte Adern wie Draht, weißes Fleisch wie aus Gips und - oh weh, es löste den schlimmsten Verdacht aus.
"Dein armes Herz", sagte Ciela, "dein armes Herz war das wohl nicht. Das ist ein Betrug. Dein liebeskrankes Herz, das irrt gewiss herum. In dieser Welt oder daneben."


II

"Und jetzt?", fragte Mieline besorgt.
"Jetzt haben wir uns schafsmäßig verlaufen."
Drei der vier Freundinnen hatten während ihrer Zusammenkunft beschlossen, noch heute den so herzlosen wie vermutlich Frauenherzen sammelnden Vafanole zu stellen. Ihn zu packen und zu schütteln. Von ihm Verfarinas Liebesgabe einzufordern. Weil es da um ihr eignes Herz, um ihre Liebe ging, musste wiederum Verfarina die Freundinnen begleiten.

An der Stelle, wo die Straße nach Porfirenze von dem Weg nach Insomnello abzweigt, da hatte Ciela darauf bestanden, eine bestimmte Abkürzung zu nehmen.
"Die hat mir mein Onkel gezeigt."
"Noch bevor er erblindete?"
"Noch bevor er samt Stock und Hund den Frauen nachging?"
"Mieline! Schweig oder ich schlag dich!"
"Schaut her. Wir sind wieder auf einen Weg gekommen."
"Sieht nicht aus wie ein Weg. Sieht aus wie ein Zusammentreffen von Zufall und Kieseln."
"Macht nichts. Weg ist Weg."
"Ja, ja. Stein ist Stein, sagte der Stein und war eine Tarantel."
"Wir sollten vielleicht alle miteinander ein Lied singen. Nur um uns Mut zu machen."
"Weißt du ein Lied, das zugleich kühlt und stärkt?"
"Nein", sagte Miatina. Aber ich kenne eine müde Herzjägerin, die sich bald ein Schattenplätzchen zur Rast suchen wird."
Da bot sich ja schon etwas an. Nein, du Dummkopf, nicht dort drüben. Gleich hier; oder besser doch nicht? Dann hier; unter dieser seltsamen Mauer.

Miatina, Ciela, Mieline, Verfarina. So ähnlich auf den ersten Blick. Ganz eigen eine jede bei näherem Hinsehn. Miatina kniete auf ihrem Deckchen, ihre Fußsohlen schimmerten weiß. Ciela saß mit angezogenen Beinen, das Kinn ruhte auf den Knien. Mieline dagegen im Schneidersitz, ohne auf den Wurf ihres Rocks zu achten. Verfarina, nach ihrem Geschmack schon viel zu lange eine Frau ohne Herz, sie stand auf den Zehenspitzen und versuchte, über die Mauer zu schauen.

"Hört nicht auf sie", meinte Miatina.
"Sie spricht doch gar nichts. Verfarina, sagst du etwas?"
"Nein. Doch. Warum da wohl eine Mauer quer über die Wiese läuft".
"Hört nicht auf Verfarina", wiederholte Miatina, "die kommt mir heute vor wie ein Mauersegler."
"Man könnte meinen, dieses Hindernis will uns herauszufordern", fuhr Verfarina fort.
"Wir lassen uns aber nicht", meinte Ciela, "wir lassen uns nicht herausfordern. Weil wir klug sind."
"Weil wir uns an die Warnung halten."
"Welche Warnung?" Das war Mieline, die Welt aus so großen wie kurzsichtigen Augen musternd.
"Siehst Du denn nicht diese Tafel? Da steht's vergilbt wie geschrieben.
Tasächlich war da ein rohes Brett angenagelt, darauf schief ein Papier angeschlagen. Auf dem stand:

"<The challenge for thinking of a wisdom of love.>"

"Seltsames Verbotsschild. Das versteht ja kein Mensch."
"<Tu mir die Liebe, sei weise und fordere mich nicht heraus.>"
"Das scheint mir aber sehr frei übersetzt."
"Dann denk dir‘s doch selbst aus, du armselige Wortklauberin."
Mieline schien gekränkt zu sein..
"Ich meine ja nur. Was stellt man auch vieldeutige Verbotsschilder auf?"
"Die wir Einheimischen sowieso schlecht verstehen."
"Was man nicht versteht, das kann einem keiner verbieten."
"Vielleicht sollen wir uns diesen Satz auch mehr als Einladung denken."
"Eine Einladung - das erklärt natürlich die Mauer."
"Stimmt. Wenn man eingeladen wird, muss klar sein, wohin und worüber. Kein Zweifel. Über diese Hürde müssen wir gehn."
"Hört nicht auf Verfarina", insistierte Miatina.
"Wir steigen drüber", erklärte Verfarina. "Hernach werden wir ja sehen."

Die vier Herzaufspürer fanden sich auf einer Wiese wieder. Obstbäume im Spalier, sorgsam gehegt. Als Abschluss ein Hain, ein Weg, rot schimmernde Gebäude. Zwei spargelschlanke Türme stiegen aus den Wipfeln, ein eisernes Geländer lief rund im obersten Drittel, auf den Turmspitzen Halbmonde. Das Ganze glich einer Moschee, die durchaus keine Moschee ist, sondern mehr so wie eine Moschee.

"Das verstehe ich nicht", erklärte Ciela. "Was ist denn eine Moschee anderes als nur eine Moschee?"
"Das werden wir gleich sehn."
"Mieline, geh da nicht hinein." Miatina griff nach Mielines Hand. Die entzog sich ihr, rannte den langen Kreuzgang hinunter, bog rasch um die Ecke, verschwand. Blieb verschwunden.
"Mieline!!"

Mehrfach hatten die drei Freundinnen das Bauwerk umrundet, hatten all die leeren Räume durchsucht. Die Moschee tat zwar nur so, als wär sie eine, aber Mieline gab ganz und gar nicht nur vor, sie wäre nicht da. Verfarina wollte um Hilfe losgehn. Miatina, Ciela eilten ihr hinterher.

Die drei Freundinnen schluchzten herzzerreißend, liefen blicklos an hohen Kastanien vorbei, entlang eines Wegs am Kanal, vorbei an Wiesen. Vor ihnen ein weiß gestrichenes Brücklein. Es schwang sich im Halbrund über stehendes Gewässer, besass ein elegant geflochtenes Geländer. Die Stufen dagegen waren nichts weiter als übereinander genagelte, handflache Holzdielen. Miatina rief: "Ich wünsche aufrichtig, dass wir Mieline bald wieder umarmen!" Ohne zu stolpern, rannte sie über die Tonnenbrücke.
Ciela rief: "Ach, ich wünsche so sehr, dass wir Mieline wiedersehn und auch Verfarinas Herz unbeschadet finden!" Ohne zu straucheln, eilte auch sie über das Brücklein.
Verfarina rief: "Nichts mehr wünsche ich mir, als Mieline und mein Herz und Vafanole wiederzufinden." Sie nahm den Weg über die Brücke, doch stolperte sie dabei einmal.

Ihr hört es nicht gern, aber Ciela ging kurz darauf im zerfallenen Tempel verloren. Der stand klassisch und erhaben auf einem kleinen grünen Hügel, war aus gräulichen Quadern gefügt, trug eine kunstvoll zertrümmerte steinerne Kuppel. Das Ganze mutete an wie ein Tempel, der aber durchaus keiner ist, sondern eher nur wie ein Tempel. Lächerlich, sich dort zu verlieren. Da führten im Innern nur ein paar Stufen zum säulenbekränzten Ausguck empor. Wie konnte ein Mensch, selbst so ein dünnes Wesen wie Ciela, da spurlos verschwinden?
"Ciela!!"
Doch alles Beschwören brachte die Freundin nicht bei.

"Lass uns ganz dicht beieinander bleiben", bat Miatina.
Die beiden übrig gebliebenen Herzensfänger ohne Fortune nahmen sich bei der Hand.
"Mein Herz klopft so sehr", gestand Miatina.
"Und meins - ach, ich spür nichts", klagte Verfarina.
Da stand ein Schild: ENDE DER WELT. Vor einem Laubengang. Der verjüngte sich zusehends, floss zusammen zu einer blattgrünen Variante von eigentlich nichts Besonderem. Das Besondere daran schien alleine zu sein, dass dieser Pfad sich recht dreist als sein eigenes Ende empfahl. "Das Ende der Welt gibt es nicht!", rief Miatina empört. "Und vor allem nicht so!" Sie löste ihre schmalen Finger von denen der Freundin und spurtete los, auf das Ende am Ende des Ganges.
Wie das geschah, hörte Verfarina hinter sich eine Stimme. Vafalone? Ihr Geliebter? Sie wirbelte herum, doch da war nichts. Beim nächsten Umsehn hatte Miatina aber schon ihr Ende der Welt erreicht. War dort eingetaucht, hineingeschlüpft, untergekrochen. Oder was auch immer.

Verfarina spürte da, wo ihr das Herz fehlte, eine furchtbare Schwere.
"Das ist mir passiert: Ich bin eine Frau ohne Herz, ohne Gefährtinnen, ohne Glück. Und vor allem ohne eine einzige Idee, was jetzt wird."


III

Ein wenig zu verschnaufen und innezuhalten, das fällt anscheinend jener Macht ein, die in diesen Mauern die Ereignisse lenkt. Auch Verfarina rastet am Rand eines Weihers, kühlt ihre Füße im Wasser, gibt nicht acht auf den steinernen Triton, der vollbärtig und dreizackbewehrt aus dem grünen Spiegel ragt. Auch wenn sonst nichts passiert auf der Welt, ziehen weiße Schäfchen still durchs Himmelsblau, ziehen silberne Karpfen still durchs Wassergrün, rollt ein roter Apfel lautlos über das Gras bis vor Verfarina.

"Gib ihn mir", bat der steinerne Mann.
"Nein. Dieser Apfel galt mir", antwortete Verfarina, denn sie war ziemlich hungrig.
"Ich hab noch nie solche Speise gekostet." Tränen flossen über Wangen und Bart des Wassergotts. "Menschenkind, hast Du denn kein Herz?"
"Ich ... aber lassen wir das. Ich will das jetzt nicht erklären." Verfarina seufzte und bot abermals seufzend den Apfel an.
Vorsichtig öffnete der Triton die steinernen Lippen, und im Nu war die Gabe verzehrt.
"Geh, du Würmchen, such den Irrgarten auf, verkriech dich darin." Dies riet der Steinkopf, bevor er verstummte.
Verfarina tat, wie geheißen.

Ohne sich zu verlaufen, fand sie den Irrgarten. Ohne sich zu bedenken, drang sie in das Labyrinth ein. War da nicht - ach, wie hieß er noch gleich - lief da nicht Vafanole?
"Vafanole!!"
Er bog ab, sie kam schnell hinterher. Er blieb stehn, sie hielt inne. Und wenn er es nicht war? Und wenn er doch der Falsche war? Jetzt rannte sie wie im Traum von ihm fort, Vafanole ihr schnell hinterher.
"Verfarina!!"

Im Zentrum des Irrgartens stand wie erwartet eine Bank. Darauf sass ein Kind im blauen Hemd und lutschte am Daumen.
"Bring mich zu den Löwen", bat es. "Wenn Du das Herz dazu hast, Verfarina."
"Ich habe ... aber das geht dich nichts an." Verfarina seufzte und nahm abermals seufzend das Kind auf.
"Da entlang. Links und links und wieder links. Siehst Du. Schon sind wir beide befreit." Das Kind lächelte. "Und jetzt zu den Löwen."

Zwei Löwenhäupter auf Stelen, sie standen links und rechts eines Wegs. Das Kind war aus Verfarinas Arme geglitten, hatte sich leichtfüßig entfernt. Verfarina stand still wie von allen Geistern verlassen, die Welt um sie hielt still wie zwei bronzene Löwen.

"Meine Liebe. Meine große Liebe. Verfarina." Auf einmal kniete da Vafanole vor ihr im Staub, den hübschen Kopf andächtig gesenkt. "Endlich haben wir uns gefunden. Es war ein langer Irrweg. Für uns beide."

Da quoll aus dem Auge des einen Löwen eine bronzene Träne. Sein Gegenüber jedoch riss das Löwenmaul weit auf und gähnte. Vafanole bemerkte es nicht.
Er legte seine linke Hand in Herzhöhe auf die Brust, legt die rechte darüber, schloss und öffnete die glutvollen Augen. Verfarina aber stampfte vor Zorn mit den Füßen auf. Sie rief: "Dir hab ich mein Herz gegeben, was hast Du gemacht? Nicht mehr war es dir wert als ein Kirschkern."

"Oh doch. Verfarina. Ich hab es angenommen, immer gehegt und gehütet."
"Bah. Gar nichts hast du. Und du hast es schon lange nicht mehr. Denn ..." -
Verfarina wurde es mit einem Mal, zum ersten Mal wieder ganz leicht um ihr Herz - "... denn ein kluges Herz findet immer allein seinen Weg zurück nach Hause."
Und noch etwas fiel ihr ein.
"Vafanole, was hält Dich hier? Das Gewicht meiner Liebe. Oder doch mehr? Mal sehn. Ich zieh alle Liebe von dir ab und ..."
Und Vafanole schoss hoch und ins Himmelblaue wie ein Ballon. Hilflos, mit den Armen rudernd, nach Verfarina rufend. Aus den Augen mit Dir, Vafanole.
Und schnell aus dem Sinn.
"Was für ein Luftikus." Verfarina seufzte und seufzte abermals, weil das so schön war.
Dann brach sie auf.

Gehen wir noch ein wenig mit Verfarina, der Frau, die endlich ihr Herz wieder hat. Begleiten wir sie wenigstens bis zum großen Hirschbrunnen. Von dort sieht man den Ausgang; dort am Beckenrand warteten schon Mieline, Ciela, Miatina.
"Wo warst Du nur, Verfarina?"
"Verfarina, Du ahnst nicht, was wir erlebt haben."
"Setz Dich zu mir. Ich bürste Dir das Haar und Ciela erzählt als erste."

[Lichtenau, 28.8.1999]
© 1999 Gerhard Winkler (Text)
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