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4. Folge

[Was bisher geschah: Vor EXIns Drachenbau erscheint ein Mädchen, weist einen Lederbeutel vor, findet Einlass und Unterschlupf. Es berichtet vom Vater, dem guten König Nemko. Es erzählt auch von Bruno. Wie verschlossen ihr Bruder war und wie kalt. / Vor allem aber spricht es von der Mutter, die gerade noch Abschied nehmen konnte. Bevor sie ihr Leben ablegte, so sacht und so leicht. Nicht anders, als wenn man einen zu weiten Ring vom Finger streift, ihn behutsam zurück in ein Kästchen legt. / EXIn der Drache hantiert derweil geschäftig und lauscht gespannt. / Und wenn er während der Erzählung einmal seufzte, dann vernahm man das unten im Flachland, aber nicht hier im Berg.]


An jenem Punkt seiner Geschichte angelangt, verstummte das Mädchen. Gerade wie ein Buchrücken saß es da, dünn wie ein Stecken, still wie eine Kapelle im Wald. Die Finger der linken Hand zwischen Daumen und Finger der rechten geschoben. Nur den Kopf, den warf es ein-, zweimal zurück; eine Geste, die es vielleicht nicht einmal merkte.

"Ich unterbreche dich jetzt", sagte der Drache. "Aber für nichts weniger als eine heiße Maronensuppe. Und danach ein nicht ganz so heißes Bad. Suppe muss schwimmen, heißt's bei uns Drachen. Dann wird fest geschlafen. Solange, bis deine Geschichte sich mit dem Schlaf verwoben hat. Bis der helle Tag dir Gelegenheit schafft, mir weiter zu berichten. Und die Sonne den weiteren Weg beleuchtet."

Das Mädchen erhob sich; irgendwo dort drüben musste Geschirr stehen, fanden sich Löffel oder dergleichen. In jenem tiefen Regal vielleicht. Doch das füllten Blechbüchsen. Zahnräder im Ölbad. Tiegel, angefüllt mit farbiger Schmiere, allerlei Fetten und Salben. Ein Blechschneider. Flache Metallkästen; abgestoßen, zerbeult, in einer unleserlichen Schablonenschrift ausgezeichnet. Der Drache fing ihren Blick auf. Verwies sie mit einem Nicken in einen anderen Winkel. Dort, recht willkürlich in einem Schank eingeräumt, stand feinstes Porzellan. Aber nur wenige Teile; nichts passte zusammen. Becher, weit älter, als ein Mensch je alt werden kann. Gläser mit blauem Rand, allesamt ungleichmäßig geformt, voller Blasen und Schlieren im Glas.

Zu Tisch bat der Drache, als ob sein Drachennest das vornehmste Haus am Platz war. Dabei musste man doch tagelang das Lauratal hinuntersteigen und wandern, um auf die erste dünne Rauchsäule über der ersten armseligen Behausung zu stoßen.

"Sag, du bist doch ein Drache ..."

"Nicht einfach 'ein Drache'. EXIn der Drache."

"So groß wie ein ganzes Pferdegespann?"

"Spann das Fuhrwerk mit ein, dann kommt das wohl hin."

"Und so wirklich wie ein Apfel am Ast, wie ein Hund vor dem Kamin, wie mein Ring am Finger?"

"So wirklich wie ein Hagelschauer, ein Hochwasser, ein Feuer in der Nacht."

"Ist das wahr?"

"Kind, ich gebe dir einen guten Rat: Zwing nie jemanden, der mächtiger ist als du selbst, über deine Fragen nachzudenken."

"Wie kommt's aber, dass ich dich dann überhaupt nicht als Lindwurm, Drache oder Echse sehn kann?"

"Vielleicht fiel's dir ja wie Schuppen in die Augen", dröhnte Exin. "An einem Drachentisch schöpft sich übrigens jeder selbst aus dem Topf nach."

"Deine Kastensuppe schmeckt aber lecker! Wenn ich zum Beispiel haarscharf an dir vorbeischaue, dann knistert und flimmert um dich die Luft wie ..."

"Schau du lieber haarscharf, dass endlich ein voller Löffel dein Plappermaul findet."

"Ich schweige ja gleich ... als ich so vor der Höhle kauerte im Farngestrüpp, als mir das Wasser in den Nacken lief, da hab ich gar nicht gewusst, ob ich dich je erkennen würde."

"An den glutroten Augen. Den Feuerwolken zum Beispiel. Den furchtbaren Schwingen. Den Tatzen. Woran noch? Na, an der Summe aller meiner Einzigartigkeiten. Um's salopp zu sagen. Und woran hast du mich am Ende erkannt?"

"Ich wartete fein ab, was du sagst, wenn du mich siehst."
zurück zum Seitenanfang Das Mädchen stupfte Brotkanten in die dampfende Scherbe, aß mit gutem Appetit. EXIn saß still und groß am Tisch, sagte nur einmal: "Vorsicht, ich blase ein wenig in den Topf. Damit die Suppe nicht abkühlt." Dann saßen beide wieder schweigend da, bedachten dies alles und anderes mehr.

"Wie seltsam! Das Bildnis von dir in Warthausen. Das beschreiben die Leute nicht anders, als du dich eben selbst beschrieben hast", rief jetzt das Mädchen. "Unten in der Stadt. Das große Gemälde, weißt du, das im Treppenhaus der Galerie. Zwei Feuerkugeln als Augen, Nasenwolken, wie wild auf die Leinwand gespachtelt, Tatzen, die aus dem Rahmen stoßen und nach dem Betrachter schlagen ..."

"Na siehst du", antwortete EXIn vergnügt. "Gute Kunst ist stets wahrhaftig."

"Seh ich eben nicht!" rief das Mädchen erbost. "Das, was ihr seht. Ja haltet ihr mich denn alle zum Narren?"

Das Meisterwerk, von dem die Rede war, ist beschriftet 'Der Drach EXIn, annähernd in Lebensgröße, nach der Natur wiedergegeben von Renee Claude'. Es überspannt einige Wandmeter im großen Lichthof der Galerie. Besucher und viel zitierte Fachleute erklären unisono, das Werk gehört wegen seiner Detailgenauigkeit eigentlich in das Naturkundliche Museum. (Aber dort steht schon Meister Finnings Bronze 'Nachdenklicher Alter Drache'; im Maßstab 1:5). Wochentags ziehen Gruppen kleiner und noch kleinerer Leute darunter vorbei. Am Portal, an der Kasse lärmen sie noch. Dann werden sie mäuschenstill und ziemlich betreten, einer nach dem anderen. Dann halten sie die Augen fest auf den roten Steinboden gerichtet. Und jauchzen hell auf, wenn sie glücklich vorbei sind.

"Die erste Zeit, da bemerkte ich gar nichts. Dort auf der Leinwand. Felsen und Bäume. Die Quelle natürlich. Und da, wo du dich ringeln solltest, nur einen moosigen Stein. Alle wunderten sich, dass ich diesen grausigen Anblick, ach EXIn verzeih mir. Dass ich deinen Anblick so gleichmütig ertrug.

Wenn alle schon gegangen waren, da bin ich manchmal über den Garten gekommen, hab mich hinein geschlichen, hab mich auf den Boden vor's Gemälde gesetzt. Kein Drache. Weit und breit keiner. Warum sah ich nicht, was alle sahen? An einem Herbsttag, da war es aber schon fast dunkel im Treppenhaus, da eilte ein Kind, ein kleiner Mensch oder ein Troll unter den Bäumen, an der Quelle vorbei. Als ob es den Weg gewusst hätte. Leider hab ich gleich dem Bruno davon erzählt."

"Und wie siehst du mich jetzt? Zugegeben, das fahle Glimmerlicht der Höhlenwände ist nicht besonders schmeichelhaft für Horn und Haut. Doch mit Verlaub! Dir gegenüber sitzt der stattlichste Lindwurm, den dieser alte Teil der Erdkruste je getragen hat. Oder siehst du statt meiner schon wieder bloß heiße Luft?"

"Wenn ich das preisgebe, was ich sehe, dann wirst du vielleicht doch böse auf mich und frisst mich auf mit Haut, Hemd und Haaren. Obwohl dir die Suppe bestimmt besser schmecken würde als meine paar wenigen Knochen!"

"Kind, ich sag‘s nicht gern. Zart wie du bist, hast du vielleicht doch zu sehr Angst. Erträgst nicht, was vor dich tritt. Menschen verschließen so gern die Augen. Manches Unglück fällt herab wie ein Wind, anderes donnert herein wie ein Berg. Wir Lindwürmer sind eine besonders dichte Form von Wirklichkeit. Sozusagen. Und eine besonders wilde. Ist es nicht so?"
Das Mädchen antworte nicht, sondern verschränkte seinen Blick fest mit dem Blick des Drachen. Eine lange Zeit schauten die beiden so ineinander, tief hinein in den anderen. Gleichmütig, aber entschlossen. Nicht trotzig, aber durchaus unbeirrbar. Schließlich sagte das Mädchen:

"Ich lüge nicht; wovon du sprichst, das kann ich wahrhaftig nicht ausmachen."

"Und jetzt? Wenn ich - keine Bange! - wenn ich nur ganz verhalten einen zarten Hauch an Rauch und Feuer aus den Nüstern blase?"

"Tust du doch gar nicht. Du paffst bloß mit der Pfeife", platzte das Mädchen heraus. "Oh. Oh je."

EXIn schwieg eine Weile. Dann kratzte er sich unter dem linken Flügel. Dann öffnete er das entsetzliche Maul. Schloss es wieder. Schwieg länger. Schloss die Echsenaugen. Öffnete sie langsam. Blickte zur Decke hinauf. Zum Boden hinab. Hinüber zum Mädchen. Dann sagte er: "Jetzt hast du doch den ganzen tiefen Teller zum zweiten Mal leer gemacht. Das freut mich. Nach dem Baden verrate ich dir etwas."

Während EXIn nachsah, ob der gute alte Mond draußen tut, was er soll, wusch sich das Mädchen. In einem riesigen Zuber, mit einer Wurzelbürste, die tatsächlich aus einer harten Wurzel bestand und einer Seife, die roch wie Nebel zwischen den Kiefern.

Sauber und seltsam duftend, die Haare gebürstet, in ein viel zu langes Nachthemd gewickelt, so saß das Mädchen später da. Die Beine hatte es hochgezogen, den Saum des Gewands um die Füße geschlagen. Der Tisch, an dem es saß, hatte eine dicke, vom Alter oder durch vielen Gebrauch glatt polierte Platte. Über die konnte man gut die Finger gleiten lassen, konnte man gut allen Ausbuchtungen nachspüren. EXIn hatte einen Korb vor sich stehn, darin ein Haufen graugrüner Schuppen oder vielmehr Lederflicken, alle handtellergroß. Der alte Drache schien ein seltsames Gewand daraus stoppeln zu wollen. Irgendwo, hinter dieser oder der übernächsten Biegung, lag der Höhleneingang. Wer je eine Zeit in einem Drachenbau gelagert und gehaust hat, der erinnert sich wohl daran, wie merkwürdig warm und behaglich es dort ist. Und alle anderen, die sollten es besser glauben.

"Ich schneidere dir ein graues Gewand, ein richtiges Echsengehäuse", sagte EXIn. "Für die Welt, in die wir müssen, ist deine Haut viel zu dünn. Da, wo unsere Pfade laufen werden, da schneiden sich viele Pfade. Die dicke Haut hier hilft gegen manches, was einem unterwegs widerfährt.

Dein Kleid wird sich gut eintragen, auf unseren langen Wegen. Hast du mir nicht einen Lederbeutel gezeigt? Jetzt wäre ein passender Moment, ihn mir wieder zu geben."

Ohne zu zögern langte das Mädchen hinter seinen Nacken, zupfte und zog an einer Lederschnur, lupfte das Säckchen aus ihrem Hemd, zog es über den hellen Schopf, reichte es über den Tisch an EXIn. Dieser zerbrach unbekümmert eine Art Siegel, fingerte einen roten Flicken aus dem Beutel, prüfte ihn, nickte und legte die Lederhaut zurück auf den Tisch.

"Den Beutel hast du einmal von deiner Mutter erhalten. Und für das Siegel, sieh, da hatte ich genau diese Petschaft genommen. Deine Mutter war ganz wie du. Hat genau so wenig eingesehen, was doch alle Welt weiß: Ein Drache ist ein Drache ist ein Drache. Sehen heißt glauben. Und nur wer was glaubt, der wird selig. Deine Mutter und du, was für ungläubige Seher.

Und jetzt lies mir vor, was geschrieben steht auf dem roten Grund dieser Haut."

Das Mädchen beugte sich über den Tisch, nahm den Flicken auf, drehte ihn ein wenig, drehte ihn wieder, damit das Schimmern und Sprühen und Funkeln und Gleißen der Höhlenwand endlich auf den Schriftzug fiel.

"´Feuerballe´", las es. "Ach nein. ´Floribelle´. Ein sehr schöner Name. Nicht nur, weil es der meine ist."


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Und was geschah dann?

Ich verrat es euch gern.
Aber immer erst, wenn ihr, liebe Leser mich auffordert, ein neues Kapitel von Floribelles Geschichte zu erzählen.
Der Brieftext ist schon vorbereitet. Klickt die Adresse an & schickt den Lesewunsch an gerhard@floribelle.com
Von einem neuen Kapitel erfahrt ihr dann als erste. Namen und Mailadresse geben wir nicht her. Um keinen Preis.
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[Scherzheim 20.2.2000]
© 2000 Gerhard Winkler
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