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3. Folge

[Was bisher geschah: Zwei Folgen lang hat es jetzt schon geregnet. Wenn das ein Sonntagsausflug wäre, dann wäre der gleich von Anfang an ins Wasser gefallen. Immerhin ist es warm in der Drachenhöhle. Und gemütlich. / Was gleich geschehen wird: ExiN, der Drache erfährt eine Geschichte. Die ist nicht schön. / Weitere Nachrichten zu diesem Thema: Ein kleiner Trupp Geschlagener hat das Lauratal hinter sich gelassen und nimmt den Alten Königsweg zurück nach Warthausen, der Hauptstadt.]


Wie ich noch so klein war, da kam der Bruder an. Kniete sich vor das Bettchen. Streckte die Arme weit aus. Griff mit beiden Händen in die Gitterstäbe. Vor mir in Augenhöhe die Fingerknöchel, blutleer und weiß. Wir beide erstarrt, jeder hinter seinen Gittern. Der Bruder betrachtete mich schweigend, nachdenklich und kalt. Was in ihm vorging, das kann ich nicht sagen. Was aber in mir vorging, das verrate ich Dir jetzt: Ich beschloß, ihm standzuhalten. Nicht feige zu flüchten. So klein ich noch war, ich trotzte bereits zurück.

Wie lange das her ist. Eigentlich gar nicht so lange.

zurück zum Seitenanfang Wir waren arm. „Ich bin sogar der ärmste König weit und breit", lachte mein Vater. „Du hast gut lachen", sagte die Mutter und lachte mit. Mein Kinderbett war ein seltsamer Kasten. Ausgeliehen, von fahrenden Leuten geborgt. „Übers Jahr kommen wir wieder her", riefen sie beim Abschied. „Dann sehen wir weiter." Und zogen fröhlich aus der Stadt und immer so fort, unten an den Weiden entlang. Ein Mädchen spielte die Flöte. Ein junger Kerl schlug eifrig Räder. Die bunten Wimpel standen im Wind.
Über die Ebene, in unser Tal hinein segelten Wolken.
„Wir sind so arm; wir können uns kein schlechtes Wetter leisten", rief die Mutter. Es schien, als hätte unsere Mutter das Glück gepachtet. Jeden Zweifel jeden Anflug von Dunkel scheuchte sie einfach fort, mit einer schnellen Bewegung.
„Sie hat eine glückliche Hand", erzählten die Leute.
Die Sonne strahlte immerzu. Damals war der Himmel auf unserer Seite. Die Fenster in unserem kleinen Palast standen sperrangelweit offen. Die Mutter und ich hingen am Fenster.

„Bitte kraul mich am Kopf!"
„Nicht schon wieder, Du kleines Kätzchen."
Wir sahen über den kleinen gepflasterten Platz, hinein in die Wohnung von Herrn Blau, unserem Schatzmeister. Der saß wie immer am riesigen Schreibtisch, heute wieder so ernst in seine Papiere vertieft wie gestern. Und hatte doch genau wie am Vortag recht wenig zu schätzen oder zu meistern. Da machte er sich eben selber Arbeit. Der bienenfleißige Herr Blau.

Im Fenster daneben tauchte Frau Blau auf und rief fröhlich über den Platz:„Ich habe gerade einen Kuchen gebacken. Wollt Ihr nicht alle zu uns kommen?"
Von unten, aus der Schloßküche, war die dicke Lisa zu hören:„Wie sich das trifft. Ich habe gerade Kaffee aufgesetzt."
„Laßt mich das noch fertig rechnen", rief der Herr Blau. Die Mutter klatschte in die Hände und sagte zu uns: „Kommt, Kinder."
Aber Bruno, mein Bruder, der wollte nicht mit hinunter zu den anderen. Der blieb lieber für sich. Kramte oben im dusteren Speicher herum. Wühlte in alten Kisten, schlüpfte in fremde Gewänder, probierte Rüstungen an. Da war sein Reich.
Das ganze Königreich war so jämmerlich arm, mitsamt Volk und Vater, dem König. „Liebe Leute, wir können das Unglück nicht länger ansehen. Wir erlassen deshalb, das wird das Vernünftigste sein, allen Bürgern ihre steuerliche Bürde. Zumindest einstweilen." Dies ordnete König Nemko, mein Vater an.

Ich spielte im kleinen Sitzungszimmer, unter dem Tisch, und zog den königlichen Räten sachte die Schuhbänder auf.

„Eure Hoheit, bittschön, das geht nicht", warf der Stadtrat Spitz ein, „das wäre ja vollkommen ungesetzlich. Außerdem hat die Königin …"

„Spitz, paß auf!" warnte Landrat Canzia.

„Außerdem was?" fragte der Vater knapp. „Spitz, Canzia, Blau - was schauen Sie alle so bedrückt unter den Tisch?"

„Da bin ich nämlich versteckt, Papa!" jubelte ich laut.

„Die Sache ist …", äußerte Blau.

„… es ist nämlich so …", beteuerte Herr Canzia.

„Also, die Steuer für dieses Jahr, die haben Eure Hoheit quasi schon ausgegeben."

„Denn für die neue Karosse und auch die beiden Pferde, das große Bett fürs Gästezimmer und quasi auch das Staatsbankett vom vergangenen …

"„Kurzum, die Königin hat sich von uns …"

Ich hörte den Vater seufzen.

„Sie hat sich einen Wechsel ausstellen lassen."

„Keinen sehr großen."

„Klein bis mittelgroß nur."

„Wir haben da schon ganz andere ge-…"

„Spitz!!"

„Eure Majestät, Herr Nemko, wir mußten die Königin dazu überreden. Bekniet haben wir sie. Nicht gespart haben wir an guten Worten. Na ja, was haben wir auch sonst anzubieten. Die Frau Gemahlin, die war ganz besorgt, dass wir dem Herrn Jospinel nichts würden auftischen können."

„Wenn so ein königlicher Nachbar das Reich visitiert, so einer wie der Blasebalg Herr Jospinel, da will man sich nicht lumpen lassen. Als Volk. Sozusagen."

„Also haben wir, verehrte Majestät, einfach allesamt auf die Zukunft geborgt."

„Und Kutsche, Pferde und so weiter, alles damit erstanden. Ein guter Kauf."

„Es bleibt ja alles im Staate …"

„ Ein wirklich gutes Geschäft, Majestät. Sie äußerten selbst …"

„Ich weiß nur nicht recht, wie ich derlei Transaktionen verbuchen soll." – Das war Schatzmeister Blau.

Ich hörte den König seufzen, ganz tief von innen heraus und rief aus meinem Versteck: „Papa, hast Du vielleicht Hunger?"

Der Vater seufzte ein drittes Mal, sehr vernehmlich und fragte: „Und wenn der Wechsel platzt?"

„Soll er doch platzen, Majestät. Dann drucken wir einfach Geld. Ist doch schließlich unser eigenes."

„Wir haben noch nicht einmal das Geld, um einen Drucker zu zahlen. Geschweige denn überhaupt jemanden im ganzen Reich, der dieses Handwerk versteht."

„Da gibt es einen Flüchtling, der behauptet, er war einmal Graveur …"
Und schon war Papa wieder abgelenkt.


Die Stadt war unversehrt; das Land herum lag in Trümmern. Ich verstand noch nichts von der Welt. Doch hörte ich damals, mein Vater, der König, hätte das Reich aus dem großen Krieg herausgenommen. Irgend einen Kriegstreiber verjagt.
Dabei sah der König Nemko weniger aus wie einer der gut kämpft, als wie einer, der gut redet. Behaupteten zumindest die Söhne von Stadtrat Spitz, die sehr gut zu raufen verstanden. Von denen habe ich sehr viel gelernt.

Vor der Stadt lagerten Flüchtlinge, die brauchten dringend ein Dach über den Kopf. Über den Fluß ging nur eine Brücke. Über die humpelten Dörfler aus den Bergen, die sahen noch viel hungriger aus als wir selbst.

Der Vater reiste im ganzen Land umher und sah nach dem Rechten. So auch die Mutter. Ich saß bei ihr auf dem Pferd. Wir ritten über gelbe Stoppelfelder. Trafen den König, wie er mit einem Ingenieur und Arbeitern auf dem zerhackten Deich stand.
„Das muß vor dem Frühjahr geschehen, bevor der Regen kommt," erklärte der Ingenieur. Die Arbeiter – ein paar alte Männer, eine Frau, ein Junge - nickten mutlos; stützten sich schwer auf ihre Schaufeln.„Wißt ihr was. Nehmt einfach die Steine vom alten Schloß. Du gehst zurück in die Stadt, besorgst ein Fuhrwerk," erklärte die Mutter bestimmt.
„Und Du, junger Mann, Du gehst nach Hause."
Der Junge rührte sich nicht.

„Fort mit Dir. Die Arbeit hier ist nichts für Dich. Weißt Du denn nicht, wo Dein Zuhause ist?" rief der Ingenieur.

„Nein," sagte der Junge, „das habe ich unterwegs vergessen."

Alle wurden wir irgendwie, irgendwann satt. Keiner im ganzen Reich lief in Klamotten herum, die ihm so richtig paßten. Immer sangen wir alle, sang mindestens einer ein Lied: Im Obstgarten, unterwegs auf der staubigen Landstraße, abends vor dem großen Kamin.

Als das Winterfest näher kam, gingen Lisa und Mutter in die große Vorratskammer, um von den Plätzchen zu holen. Die großen Büchsen waren jedoch alle leer. Der Vater hatte davon heimlich, wenn er ausritt, welche eingesteckt, um sie an die Leute zu verteilen.Lisa legte ihren Arm um Mama. Ich schmiegte mich schnell zwischen Lisa und der Mutter und drückte beide fest mit.

„Dann backen wir eben noch einmal."

In dieser Zeit, an einem Winterabend saßen wir alle beisammen. Alle plauderten vergnügt miteinander. Frau Blau war da und ihr Mann; auch die ganze Familie Spitz war ins Schloß gekommen. „Sind heute die drei Spitzbolde auch mit dabei!" alberte Papa. Bruno, mein Bruder, wollte mit den Spitzen nicht spielen.

Die Mutter stand auf, ging zur Kredenz. Ich war die einzige, die ihr nachsah. Da hielt sie sich mit einer Hand am Schränkchen fest, die andere preßte sie auf ihr Herz. Niemand außer mir hatte es bemerkt. Die Mutter blickte auf, sah mich an und lächelte.

Ein paar Tage später lag sie in ihrem Bett, ganz blass und matt.„Sie hat sich nur einen Zug geholt", tröstete Lisa. Mein Bruder machte um das Zimmer einen großen Bogen. Ich saß vor der Tür und spielte und horchte.

Frau Spitz kam mich holen. Sie trug meine Tasche und ich zog um zu den Spitzen.

Aber ich schlich aus der Wohnung, rannte die ganze Schloßstraße hinauf und stand vor dem hohen Palast.

Die drei Spitzbrüder kamen angerannt und formten sich keuchend vor mir zu einem Halbkreis. Der Älteste streckte den Arm zu mir aus, öffnete seine Hand. Da lag ein brauner Brocken Zucker. „Nimm, Floribelle", sagte er. Ich schüttelte schnell den Kopf. Der zweite Spitzbube blickte traurig drein und öffnete seine kleine Faust. Da war ein Stückchen Kuchen, ganz schwarz und zerbröselt. „Für Dich, Floribelle", sagte er. Ich schüttelte wieder den Kopf. Der Kleinste der Brüder schaute zweifelnd auf seine winzige Faust, öffnete sie, zeigte sie her. Sie war leer. Da lächelte er mich an und umschlang mich fest.

Es wird wieder gut, glaubten die Großen. Ich zweifelte daran. Die Welt war anders. So leicht ging allesamt in Brüche. So schnell konnte alle Wärme verfliegen, bis alles dunkel und kalt wie ein Stein war. Und kalt blieb, für immer.

Ich schlich mich tagsüber in die Schloßküche und von dort in unsere Zimmer. Bruno kramte herum, immer auf der Suche nach irgendeinem verborgenen Hort. Fremde Leute kamen und gingen.

Einmal ließ die Mutter mich holen. Sie saß in einem hohen Sessel, halb vor dem Fenster. Hinter mir Bruno. Er wollte nicht näher, drückte sich im Flur herum, blinzelte in das Zimmer hinein.

„Ich vertraue Dir, Floribelle. Dir vertraue ich ganz."
„Was meinst Du damit, Mutter?"
„Später, da kommen Leute."

Am nächsten Tag öffnete sich wieder die Tür und Lisa winkte mich herein. Die Mutter lag in ihrem Bett, die Decke hochgezogen bis unter das Kinn.

„Geh in den Norden, Floribelle. Wenn Du in Gefahr bist, dann bleibe immer allein. Geh ohne Umweg in die Berge."

„Ich verstehe nicht", sagte ich verzweifelt. „Was meinst Du damit, Mutter?"

„Niemand. Nicht einmal der Vater darf wissen, dass Du das hast." Und sie gab mir einen kleinen Beutel mit einem langen ledernen Band. „Was hast Du gelernt?"

„Wenn Gefahr droht, dann gehe ich in den Norden, schnurstracks. Immer allein. Kein Mensch darf wissen, dass ich das habe. Wirst Du wieder gesund?"

„Ja", sagte die Mutter.

Am nächsten Tag öffnete sich wieder die Tür und das ganze Königreich stand da versammelt mit all‘ seinen Männern und Frauen, allem Hofstaat und dem ganzen Gesinde, allen Ratgebern und allen Beamten, mit all‘ seinen Soldaten und all‘ seinen Priestern, all‘ den Fern- und Nahestehenden, den Landsleuten, Fremden und dem fahrenden Volk, den Eckenstehern, Gaffern, Verwandten, Abgesandten, Botschaftern, Handlangern, Handwerkern und fliegenden Händlern, den Wäscherinnen vom Fluss, der Schneiderin, dem Schmied mit seinem Gesellen, den Wächtern vom Tor und dem stummen König. Alle waren sie hier und blickten auf die Mutter.

Nur Bruno nicht, mein Bruder. Der nicht.

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[Hartford/Kensington, August – September 1998]
© 1999 Gerhard Winkler (Text), Kiki Ketcham (Illustration)
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