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Die sichtbare Welt

Die Welt verfestigte sich schon nach wenigen Metern. Sein Blick reichte nicht tief; alles gefror in einem Block aus rasch gelierendem Dunst. Ärmlich stachen einige Überbleibsel hervor: Grasbüschel, von schmutzigem Rauhreif überzogen, einige in Windrichtung erstarrte Halme, sprödes Schilfrohr, Flecken von ausgelichtetem Kraut. Auf halber Höhe standen Weiden gegen das körnige Grau, der Erde entrückt und zum Greifen nah. Darüber eine letzte, bereits mit dem Himmel verschmelzende Farbschicht. Eine Grundierung im Ton der Nacht, ein Abstrich von schwärzlich eingetrocknetem Blut.

Das waren die Umrisse einiger Schuppen oder niedriger Häuser. Von dort her war er gekommen, hatte er sich einen Weg hier herunter gesucht. Und obwohl er gespürt hatte, dass die Erde unter seinen Füßen zersplitterte, hatte er keine sichtbare Spur hinterlassen.

Jetzt hob er den Blick und sah zu, wie das Licht nach und nach aus der Bildmitte glitt. Es nahm sich still aus der Welt. Dafür rückten erste Nachtschatten nach, die Bäume und Dächer ins Blauviolett tönten und Streifen um Streifen abdunkelten.

Als der Fluß sich hinter ihm knisternd meldete, drehte er sich um. Von da, wo er stand, spannte sich eine gläserne Haut bis zum jenseitigen Ufer. Sie brach an manchen Stellen auf, platzte als eisiger Schorf. Nicht weit vor ihm lag ein Bündel aus pelzigem Rot. Er wurde darauf aufmerksam wie auf ein kleinformatiges Bild, das wegen seiner Farbgebung aus den Ausstellungsstücken eines Museumssaals hervorsticht. Augenscheinlich ein Fuchs. In sich geschoben, die Nase unter einer Pfote verborgen.

Er tat die paar Schritte hinzu und blickte mit Mühe, von Schal und hochgeschlagenem Kragen behindert, auf den Kadaver vor seinen Füßen. Hingetupfte weiße Glanzlichter. Das Schwerelose, der feine Strich. Alles schien zur Ruhe zu kommen. Oder auch nicht, denn gerade in diesem Augenblick fiel etwas vom Himmel herab. Vor ihm schlug ein Vogel auf. Lag unversehrt da, Kopf und Schnabel an die harte Erde geschmiegt. Ein Bein, gelbe Krallen wiesen in die Richtung, aus der der schwarze Balg soeben gestürzt war.

Was bedeutete das? Er war nicht erschrocken, eher peinlich berührt. Fuchs und Krähe lagen so nah beeinander, als hätten sie sich gesucht. Als lösten sie eine Verabredung ein zwischen ihnen und ihm. Als wären sie alle drei durch einen Plan verbunden gewesen.

Er blickte sich um, prüfte, ob es Zuschauer gab oder ob er immer noch allein war. Flußaufwärts, auf einem Sandstreifen am anderen Ufer glimmerte orange und schwarz ein Feuer. Vielleicht schlugen dort Flammen aus einer Tonne. Oder jemand hatte Treibholz aufgeschichtet und in Brand gesetzt. Wie schnell sich die Bilder einschoben, sobald man nur eine Vorstellung von etwas bekam. Das Irrlicht dort drüben gab es sicher nur, weil er es sich so und nicht anders erklärte.

Neben dem Aufleuchten, zwischen den Schatten stand und bewegte sich einer oder liefen sogar mehrere Menschen. Eben legten sie Treibgut oder Äste ins Feuer, gingen sie aufeinander zu, verschmolzen sie miteinander. Dann stockte alles, veränderte sich nicht mehr. Nach einer Weile war er davon überzeugt, dass sich die untergehende Sonne irgendwo spiegelte.

Es war aber so, und jetzt packte ihn schieres Entsetzen, es war auf einmal ganz sicher, dass da wirklich jemand da stand, neben einer Tonne, im Schatten des Feuers. Jemand, der sich aufrichtete, sich groß machte, aufmerksam wurde. Und scharf hinüberblickte, in seine Richtung.

Als er floh und die Böschung anging, als er den kalten Blick in seinem Nacken spürte, glaubte er zu fallen. Er fing sich, lief weiter, keuchend und mit offenem Mund. Die Kälte schlug spitze Zähne in Augen und Kehle, ein Schauer rann ihm den Rücken hinab. Er stieß einen Laut aus, hörte sein Aufschluchzen gegen den Wind, merkte, wie es um ihn herum längst schrie. In der Luft stand ein Laut, wie wenn man mit aller Kraft die Zinken eines Rechens über eine Steinplatte zieht.

Das Badehaus

Das Badehaus. Er war daran vorbei geeilt, es lag ja im Abseits, noch vor dem Ortsrand. Die Läden geschlossen, der Weg dorthin schon im Zwielicht. Ein Anflug von Kiefernduft, ein Geruch von feuchtem Holz hatte ihn gestoppt und umdrehen lassen.

Er trat zwei Stufen hoch, riss die Tür auf, stand im Hausgang. Sah plötzlich nichts mehr, so schwer und nass schlug es ihm entgegen. Wo die Innenluft auf ihn traf, auf die kalte Wand, deren Teil er war, tauchten Fetzen von Dampf auf, rissen ab und vergingen. Seine Augen tränten, die Nase lief plötzlich, Tautröpfchen perlten auf der Stirn. Er zog rasch die Tür zu, bückte sich, zog sich die Stiefel ab. Schob sie mit den Füßen zur Seite, dort hin, wo schon andere Paare aufgereiht standen.

Ein mattes, orangefarbenes Licht tönte den langen Flur ab. Die ganze linke Wand entlang lief eine Holzbank, darüber standen in Brusthöhe eiserne Haken, immer im gleichen Abstand. Auf den meisten beulte sich schwere Kleidung. Umhänge, Wollmäntel und dergleichen. Wäsche lag auf der Bank. Meist war Stück für Stück ordentlich zusammengelegt. Ein verfilzter Socken war zu Boden gerutscht, er hob ihn auf und legte ihn zurück auf den Stapel. Einen anderen Kleiderberg, Sachen einer Frau, die erstaunlich viele Schichten an Hemden, Jacken und langen Hosen übereinander tragen musste, rückte er vorsichtig weg.

Nachdem er auf der Bank ein wenig Platz für sich geschaffen hatte, zog er sich aus. Er zögerte, stopfte seine Unterhose in ein Hosenbein. Dann hob er die schwere Hose noch einmal an, um sie sauber zusammenzufalten; seine Unterwäsche fiel lautlos zu Boden. Erst als er mit dem Zehen auf ein weiches Etwas stieß, bemerkte er das. Rasch hob er das Häufchen auf und knüllte es in die Innentasche seines Mantels. Dann stand er da, leicht nach vorn gebeugt, eine Hand an der Wand abgestützt. Er betrachtete den riesigen Schlüpfer, den eine Besucherin des Badehauses sorgsam über ihren Kleiderstapel drapiert hatte, so penibel, wie man ein Tuch über einen Korb ausbreitet.

Von der Tür her zog Grabeskälte ein, stieg an seinen Beinen auf. Er zitterte. Worüber er eben noch nachgedacht hatte, es fiel von ihm ab. Er ging den Flur hinunter, öffnete eine weitere Tür, durchquerte einen vollkommen leeren, fensterlosen Raum, der noch um einiges wärmer, um einiges dampfgesättigter war.

Dann trat er in die Badestube ein.

Mitten im Raum drei ungeheure Zuber; aus Holz, von handbreiten Metallbändern umschlossen. Im Hintergrund einige Waschtische, in einer Nische Duschen mit kupfernen Brauseköpfen, groß wie halbierte Kürbisse. Links ein gemauertes Podest, zwei Stufen führten hinauf, Handtücher legte man dort ab. Ein Ofen, groß genug, um ein ganzes Schloss oder das Haus eines Riesen zu heizen.

Stumm blieben die anderen Benutzer des Badehauses, schwarz verwischte Köpfe, die halb über den Rand der Waschtröge ragten. Er verneigte sich in ihre Richtung, ging wortlos vorbei, um sich zu säubern.

Während er sich endlos und gründlich einseifte, war ein Paar aus einem der Waschzuber gestiegen und hatte sich abgetrocknet. Jetzt standen sie an einem Tisch. Aus den Gegenständen, die sich darauf befanden, wählte die Frau einen kurzstieligen Feger. Sie fuhr mit den Borsten über das Innere ihrer Hand. Der Mann setzte sich umgekehrt auf einen Stuhl, stützte sich mit der Stirn auf die Lehne, ließ die Arme seitlich herunterbaumeln. Jetzt bearbeitete die Frau seinen Rücken mit dem Gerät , bückte sich über ihn, schrubbte energisch, hielt mit einer Hand Schulter oder Nacken fest im Griff.

Im warmen Licht der Badestube schimmerten ihre Körper rötlich und weiß. Die Frau stand breitbeinig da, mit nach außen gedrehten Füßen. Ihr Mund klaffte weit auf, sie keuchte vor Anstrengung.

Er blickte ihr ins Gesicht und fand gar nichts darin; sie schien ganz bei der Sache und zugleich weit von allem entrückt. Der Mann dagegen musterte ihn gleichmütig und unverwandt.

Er hielt dem Blick stand, bis er sich schließlich doch umdrehte. Von der Dusche ging er geradewegs hinüber zu den Zubern. Es gab an einem solchen Ort sicher Regeln, welche Wanne er zu nehmen, welche er zu vermeiden hatte. Da er aber diese Gesellschaft nicht kannte, da die Leute im Wasser ziemlich gleich ausschauten und da er nicht vorhatte, sich mit Ihnen ins Benehmen zu setzen, wählte er den Zuber mit den wenigsten Menschen. Die Badegäste in ihren Bottichen gaben keinerlei Kommentar oder Hinweis. Sie ruhten unbeweglich, nahmen von nichts Notiz, was außerhalb ihrer feuchten Zone geschah.

Er stieg ein kleines Treppchen hoch, schwang die Beine über den Rand, ließ sich hineingleiten.

Die Hitze war ein Schlag aufs Herz.

Wenn die kleine Welt durch sein Hinzukommen aus dem Gleichgewicht gebracht worden war, ließ sie es ihn zumindest nicht merken. Die drei Badenden blickten zwar auf, regten sich sonst aber nicht. Er machte es ihnen gleich, tauchte bis zum Kinn ein, tastete auf dem Sitzbrett umher, machte die Beine lang, wartete ab. Öffnete sich nach und nach und empfahl sich vollends dem dampfenden Sud. Die Kälte in ihm verschwand und als er ihr nachspüren wollte, schlief er darüber fast ein.

Im Zuber

Er spürte eine Bewegung, eine sanfte Welle an seinem Mund. Träge öffnete er die Augen. Ein Pärchen war zu ihm hinüber geglitten, nahm ihn jetzt in die Mitte. Der Frau liefen helle Strähnen über die Wangen. Der Mann trug einen feuerroten Bart. Das Mondgesicht der Frau schwebte vor ihm. Dann ging der Mond unter, glitt über das Wasser, die Frau rückte näher und flüsterte scharf: „Wen haben wir da? Den Referendar aus Wittenberg. Oder den Neuen aus dem Katasteramt. In jedem Fall bist Du in der Pension Morelli abgestiegen."

„Das bin ich wohl", antwortete er.

„Dein Pech." Sie hatte nach seinem Ellbogen gefasst, und hielt sich daran fest, als befürchtete sie, von einer schnellen Strömung abgetrieben zu werden. „Und jetzt triffst Du ausgerechnet uns. Die Wirtsleute vom Goldenen Hahn. Mit uns wärst du besser gefahren."

Sie blickte zum Bärtigen. „Wär er doch? Nicht wahr? Sag Du auch etwas."

Der Rote hielt stumm Mund und Ohren über Wasser, tastete aber wie die Frau nach seinem Opfer. Fingerspitzen wie Blutegel. Es schüttelte ihn, er schob die beiden weit von sich fort.

„Ich bleibe hier nicht lang. Das Katasteramt soll ja aufgelöst werden. Wie man weiß. In Ihrer Gaststube war übrigens nie jemand da und hat das Telefon abgenommen und falls doch, gab es nur mißtrauisches Fragen. Wer ich sei und woher. Zu dieser Unzeit anzurufen. Ausgerechnet. Was ich überhaupt wolle."

Die Frau nutzte den Zuberrand als Handlauf und hangelte sich wieder heran. Irgendwie hatte sie einen Fuß zwischen seine Beine geschoben. Er hatte bereits einen Arm ausgestreckt, wehrte damit den Rothaarigen ab. Mit offener Hand fuhr er jetzt von ihrem Hals hinunter zum Bauch, suchte nach einem Punkt, an dem er ansetzen konnte und diesen Plagegeist ganz von sich schieben. Sie ließ es mit offenem Mund geschehen. Man tastete, griff nach ihm. Er stieß sich mit aller Kraft von den beiden ab. Tauchte weg, fand sich auf der anderen Seite des Zubers wieder.

„Entschuldigung. Ich habe Sie nicht gesehen", gurgelte er. Jetzt war er vor dem dritten Badenden gestrandet.

„Ihre Bekannten kommen ihnen nach. Soll ich Sie vor ihnen retten?", entgegnete dieser. Ohne auf Antwort zu warten, breitete er die Arme weit aus, brachte sich zwischen ihm und den Wirtsleuten, zischte ihnen zu: „Nun aber!"

Das Pärchen stoppte widerwillig, kehrte um, beratschlagte flüsternd, schob sich dann über den Zuberrand und verschwand.

„Vielen Dank", murmelte er und rückte ein gutes Stück von seinem Helfer ab. Wieder schloss er die Augen, tauchte er das Kinn unter Wasser.

„Keine Angst, ich komme nicht näher."

Er schreckte auf. Ob Mann oder Frau, sein Gegenüber blickte ihn unter feuchten, Fransen an. Zu breit die Nase, zu schief das Kinn, der Mund verzogen. Die Stimme war durchaus dunkel, verlor so dicht über dem Wasser jedoch alle Körperlichkeit.

„Wie meinen?", fragte zurück.

Statt zu antworten schüttelte die Person das wirre Haar aus dem Gesicht. Vielleicht lag gerade darin die Antwort. Er wiederum stieß sich ab von der Rundbank, auf der er hockte. Er rutschte ein Stück weit am Innenrand entlang, versuchte, den Abstand zu vergrößern. Sein Retter tauchte daraufhin unter, schwamm auf ihn zu und schoss genau vor ihm aus dem Wasser. Ein verweiblichter Neptun, zwar ohne Dreizack, aber wie dieser jedes irdische Maß übersteigend.

„Ich heiße Naja, genau wie die Floskel. Die Leute wollen’s nicht glauben und fragen 'na ja, was?‘. Dabei betont man es auf dem ersten 'a‘. Naja, eben."

„Seien Sie froh, dass Ihr Name zum Einlenken aufruft. Was könnte einem zu 'Ivo‘ einfallen?

Sein Gegenüber ging darauf nicht ein, sondern verkündete: "Was für ein Zufall. Gerade denk ich an dich und schon landest du im Zuber.Ich kenn dich nämlich."

'Und wenn schon‘, dachte er. "Auch wenn du mich kennst, erfahr ich trotzdem gleich mehr über dich als du jemals von mir.‘

Doch da hatte er sich getäuscht.

Naja erklärte nämlich: „Ich bin im Grunde ein einfacher Mensch. Der Beweis: Ich betreibe den Votivkerzenhandel unten am Dom. Seit einiger Zeit träume ich dein Leben. Nacht für Nacht. Kommt dir auf der Straße ein Köter entgegen, wechsle ich für dich die Straßenseite. Stundenlang beuge ich mich an deiner Stelle über konfuse Pläne. Morgens wache ich dann mit einem krummen Rücken auf. Ich esse deine seltsamen Speisen, lese deine großspurigen Zeitungen, verkehre mit trunksüchtigen Bekannten, katzbuckle und liebedienere, verrenke mich, um diesen oder jenen kleinen Vorteil zu fangen. Ich führe lautstarken Reden, die dich nichts kosten, gehe deinen Gläubigern aus dem Weg, spucke derb auf den Boden. Von all den anderen Sachen will ich besser schweigen. Ich bin mit dir eingesperrt. Oder du in mir. Nacht für Nacht. Nichts an dir ist mir fremd und darum mag ich dich nicht einmal mehr zum Teufel jagen."

Er bemerkte dazu nichts, wartete ab. Naja holte Luft und setzte nach: „Dein Lebenswandel ist so langweilig wie empörend. Ich verbringe Stunden damit, ihn zu beichten; der Pater mag gar nichts mehr davon hören. 'Kommen Sie endlich zum Kern‘, verlangt er."

Ihn schwindelte; er musste sich unbedingt fangen.

„Ganz unerhört ist es ja nicht", beeilte er sich zu sagen, „dass man einen Menschen wie im Schlaf fängt. Doch das gibt sich meist wieder. Man stutzt auf einmal, zählt nach und stellt erleichtert fest, seit Tagen ist man schon wieder von diesem Nachtgesicht befreit. Das Leben ist ja doch eine Ablenkung. Da ist einem die Katze entlaufen. Ein Weisheitszahn meldet sich plötzlich. Man wird angeschwärzt, von den Kollegen fälschlich beschuldigt, verliert deshalb seine Stelle, zu allem Überfluß wird noch …"

„Es gibt aber auch Fälle, da haben Liebende von einander geträumt, bevor das Leben sie zusammenführte." Herr oder Frau Naja schlug mit der flachen Hand auf das Wasser.

„Tatsächlich? Dazu müsste aber ein jeder dem Anderen erscheinen. Zugegeben, ich erinnere mich nie an meine Träume. Aber irgendein vages Wiedererkennen müsste das Schicksal doch bieten."

Der Wassermensch unterbrach ihn erneut: „Verbürgt und schicksalshaft aber auch die Geschichte vom Träumenden, der den Anderen in der Wirklichkeit aufspürt , ihn umbringt, auf schreckliche Weise, nur um ihn endlich wieder loszuwerden …"

„Na gut, mir ist die Geschichte natürlich bekannt. Der Träumer verblutet im selben Moment, als er zustößt, und zwar aus einer Wunde genau gleicher Art. Ein Umstand, der mir völlig einleuchtet. — He, was soll das?"

Das Zwischenwesen hatte plötzlich unter ihn gegriffen, ihn mit mächtigen Arme gepackt, riss ihn jetzt aus dem Wasser, hoch hinauf, bis über den Rand des Zubers. Riese oder Riesin, das war ihm egal, er wollte die Augen verschließen und sah doch zu, wie Naja einen ausladenden Brustkorb spannte und irgendwelche Anstalten machte. Herkules, der sich anschickt, eine schmächtige Weltkugel zu heben. Naja sog geräuschvoll Unmengen an Luft an, lupfte ihn über den Bottich und ließ ihn dann fallen.

Jetzt nur kein Aufsehen erregen, dachte er zitternd. Und fingerte trotzdem nach einem Schemel, kam irgendwie auf die Füße, beugte sich über den Waschzuber. Schickte sich an, dieser Kreatur, die ihn soeben gedemütigt hatte, den Schädel einzuschlagen.

Naja taumelte, fiel zurück ins Wasser. Strich sich das wirre Haar aus dem Gesicht, griff sich an den Hals, an den offenen Mund, erstickte einen Schrei in der geballten Faust. Es war, als wäre er gar nicht vorhanden. Der Mensch im Zuber blickte mit riesigen Augen durch ihn hindurch oder über ihn weg, wer konnte das sagen.

Vorsichtig setzte er den Schemel ab und verschwand.

Der Plan

Um die Pension Morelli zu erreichen, musste ich sicher stellen, dass sich die Peitschenlampen am Wegrand immer auf der linken Seite befanden. Nach einem guten Stück fiel mir auf, sie standen rechts, es ging obendrein einen Anstieg hinauf, den ich überhaupt noch nicht in den Beinen hatte. Die Häuser, die dann kamen, hatte ich weder so noch so ähnlich je gesehen. Meine Enttäuschung, als unvermutet das halbwegs vertraute Leuchtschild der Pension aufleuchtete, überraschte mich. Ich war nicht nur nicht vom Weg abgekommen, es wäre sogar kaum möglich gewesen, an diesem Ort verloren zu gehen.

Im Frühstücksraum brannte Licht. Ich schaute hinein. Da saß einer am Tisch. Das graue Haar kurz geschnitten, es lockte sich über der Stirn. Im Zentrum des hageren Gesichts ein grauer Oberlippenbart. Schwarz das Jackett. Darunter ein ähnlich schwarzes, kragenloses Hemd. Schmallipig war er, schwarz und abgegriffen. Der Mann erinnerte mich an ein Gesangbuch. Das Gedeck auf seinem Platz war zur Seite geschoben; die grünliche Tischdecke warf Falten. Der Fremde richtete mit zwei spitzen Fingern einen Blätterstapel aus, starrte mich an.

„Die Nacht ist kurz, es bleibt nicht viel Zeit", sagte er. „Mein Name ist Reinhard, Doktor Reinhard, ich bin Geschichtslehrer an den Schäferschen Stiftungen. Nicht, dass Schäfer so etwas vermeintlich Nutzloses wie Lehranstalten überhaupt schätzte. Der Gute hatte es nicht gerade mit Volksbildung. Wie Sie vermutlich nicht wissen."

„Aha", erwiderte ich.

„Sie kommen tatsächlich nicht aus diesem Landstrich. Ich höre das an Ihrem 'Aha‘", bemerkte Reinhard befriedigt.

„So", sagte ich. Und als ob mir noch etwas eingefallen wäre: „So erkennen Sie in mir den Ortsfremden an der Art, wie ich die Vokale nicht dehne beziehungsweise mich weigere zu kürzen."

Doktor Reinhard lächelte wohlerzogen, aber siegessicher. Hatte er bereits alle seine Antworten präpariert und musste jetzt nur die passenden Fragen abwarten?

„Ich habe lange auf Sie gewartet. Jetzt gestatte ich mir, Sie ein wenig zu beanspruchen. Aus gutem Grund, das kann ich ihnen versichern."

„Doktor Reinhard." Ich merkte zu seinem Erstaunen, dass ich müde war, ungeduldig und reizbar. „Kommen Sie zu mir morgen ins Amt. Was immer Sie vorbringen wollen, ich mag es nicht hören. Ich sehe an ihren Notizen, Sie haben vor, mir heute Nacht noch die Welt zu erklären. Ich bin nicht verständig. Falls ich es wäre, könnte ich mir dennoch nichts merken. Und was ich behalte, ich gebe es nur sinnentstellt weiter. Oder noch schlimmer. Ich würde es morgen schon gegen Sie verwenden. Gehn Sie deshalb nach Hause. Gute Nacht."

Reinhard sprang auf, riss die Notizen vom Tisch, warf sich gegen mich, schob mir den Schreibblock unter.

„Lesen Sie nur. Meine Recherchen. Vom Bürgermeister geprüft und gebilligt. Der Plan ist noch nicht aufgedeckt worden. Es besteht also Hoffnung."

„Verstehe. Ihr Plan steckt im Katasteramt. Im Keller, zwischen zwei Aktendeckeln verborgen. Und wenn die Gegenseite ihn vor uns findet, bricht die Welt ein."

"Es ist nicht mein Plan", erwiderte er beleidigt.

"Verzeihung. Wie ungenau von mir. Es ist nicht Ihr Plan. Es ist unser Plan."

„Ich wusste, ich kann auf Sie zählen", flüsterte Reinhard erleichtert.

Ich ließ die Blättersammlung fallen, er bückte sich danach, kniete nieder. Ich sah ihm zu ihn, erklärte von oben herab, dass ich schon aus beruflichen Gründen keinem Plan traute. Wandte mich um, rannte zur Treppe, nahm immer zwei Stufen auf einmal. Fand unter dem Dach mein Zimmer, sperrte es auf, schloss mich dort ein.

Er kam mir nicht nach.

Ich holte den Gaskocher hervor, klappte ihn auf. Füllte den zerbeulten Aluminiumtopf, stellte ihn ab, ohne dass ich ihn kippte. Setzte ihn auf die wackligen Bügel des Kochers. Zündete ein Streichholz an und wartete geduldig, bevor ich den Druckschalter losließ. Spülte die Glaskanne aus, wärmte sie unter einem heißen Wasserstrahl vor. Füllte Tee ein aus einer Büchse zweifelhaften Zustands, die ich gleich an meinem ersten Tag im Katasteramt gefunden und mitgenommen hatte. Ich hatte die Wahl zwischen einem Blechhafen, an dem ich mir die Finger verbrennen würde und einem lächerlich kleinen Tässchen aus der Kantine der Stadtwerke. Ich wählte die Blechtasse und verbrannte mir die Finger.

In mein Journal notierte ich an diesem Januarabend zwei Einträge.

"Durchaus nicht selten, sich als Membran zwischen der sichtbaren Welt und der Leere in einem selbst zu beschreiben. Mir kommt es aber so vor, als dulde die Welt kein Vakuum. Als spüre sie das und dränge sich an einen heran. Als versuche sie mit aller Macht, einen auszufüllen."

„Die Linie zwischen mir und dieser Stadt ist so dünn. Wie soll ich in ihr leben, ohne dass ich mich darüber vergesse?"

Den zweiten Satz verstand ich schon nicht mehr, als ich ihn wiederlas. Aber da war niemand, der ihn mir erklären konnte.


28.1.2001
Gerhard Winkler


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