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  Um alle Ecken
Es war einmal eine Frau, die hatte ein Kind. Als das Kind schon laufen konnte, da zog die Mutter es an sich, schaute ihm fest in die Augen und sprach: „Lauf um alle vier Ecken."

Das Kind strahlte und strampelte und wollte zum Tor. Und dort schnell hinaus.
„Halt", sagte die Mutter. „Nimm diesen Korb mit."
„Was ist da drin?"
„Lauter bunte Grüße. Die hab ich hinein gelegt. Gib gut auf sie acht."

Und sie herzte den Kleinen. Doch der machte sich los von der Mutter, griff nach dem schweren Korb, schob seinen Arm unter den Henkel, hob seine Last auf, trug sie zum Tor.
„Mach mir schnell auf. Bitte."
„Gleich, mein Kind. Verrate mir aber noch, bevor du aufbrichst: Soll es rechts herum gehn oder links herum?"
„Rechts herum", entschied der Kleine.

Aber ein paar Schritte weiter, da wehte ein Wind und wirbelte Blüten und Blattwerk wie toll im Kreis.
„Lieber links herum", meinte der Junge. Und eilte los, ohne sich zweimal umzusehen.

Schon nahte die erste Ecke. Stolz und frohgemut bog er ab. Was mochte wohl kommen? Vielleicht eine überraschende Wendung!

Hinter der ersten Ecke wartete eine Riesin.
„Guten Morgen, kleiner Mann. Wohin so früh?"
„Um alle vier Ecken. Die erste hab ich schon."
„Und woran trägst du so schwer?"
„In meinem Korb sind lauter bunte Grüße."
„Wie schön! Da hast du vielleicht auch einen für mich!"
Doch bevor es noch 'Nein!‘ denken konnte, eilte das Kind wieder fort, so schnell es nur konnte. Ganz außer Atem blieb es dann stehn, setzte den Korb ab, schaute sich um. Die Riesin stand, wo sie stand und blickte dem kleinen Jungen stumm nach. „Nur gleich weiter", dachte er.

Wie er so ging, kam bald die nächste Ecke. Um so etwas äugt man vorsichtig und misstrauisch und überhaupt. Am besten, man macht sich auf Allerlei gefasst.

Hinter dieser Ecke lauerte jedoch gar nichts.

Da kam ein Haus mit keinem Zaun. Und dann eine Hecke, die alles Weitere verbarg. Und dann ein hoher Zaun. Zwischen Laub und Stäben schob sich ein langer Kopf, eine spitze Schnauze heraus. Ein Untier; bestimmt. Was denn sonst?

„Guten Morgen, junger Mann. So früh schon so fleißig? Vielleicht liebe Grüße besorgen?"
Der Kleine presste den Korb fest an sich. Suchte nach Worten, doch um ihn herum, in der flirrenden Luft, da schwirrten nur Käfer.

Der große Kopf schnupperte und schmeichelte: „Steckt da drin nicht auch für mich ein Gruß?"
„Steckt gar nicht!", rief der Kleine verärgert. „So. Jetzt muß ich weiter!"
Und der Junge tappte fort und nahm Schritt für Schritt und war bemüht, nicht auf die Ritzen und Risse unter den Schuhen zu treten.

„Wo war ich nur stehengeblieben?", dachte der Junge an der nächsten Kreuzung: „Eins, zwei, drei – so viele Ecken hab ich bis jetzt schon gemeistert! Das muss dann die vierte sein!"

Er spitzte um den Eckpfosten. Da war eine schöne Allee. Zur Linken wehten Büsche wie gelber Regen. Der ganze Weg lag still und träumte im lila Schatten des Laubwerks.

„Wo bin ich nur?", rief Junge verzweifelt. „Hab ich mich auf einmal verirrt? Was soll ich bloß tun? Der nächste Schritt entscheidet."

Da trat ein weißhaariges Monster aus den Bäumen hervor.
„Guten Morgen! Ei, du trägst bunte Grüße aus! Hast dich dabei verlaufen?"
„Hab ich gar nicht! Und Grüße kriegen tust du auch nicht!"

Weinend spritzte der kleine Kerl auf und davon. Der Korb baumelte schrecklich am Arm. Da kam ja schon wieder eine dumme Ecke! Sei’s drum, die nahm er jetzt auch noch.

Doch da stand auf einmal die Mutter.
„Schon wieder da? Ja, bist du denn keinen einzigen von deinen Grüßen losgeworden?"
Der Junge blickte stumm hinab auf den Korb. Rüttelte ihn ein wenig. Da war noch alles drin.
„Dann musst du halt den lieben langen Weg wieder zurück!"

„Um alle fünf Ecken?", rief der Junge. „O je. Willst du nicht lieber mitkommen?"
„Um alle fünf Ecken?", wunderte sich die Mutter.
„Ja. Nach der ersten kam plötzlich die Riesin. Nach der zweiten das große Tier. Mit riesigen braunen Augen. Nach der dritten, da hab ich einen alten Drachen getroffen. Nach der vierten? Da kamst plötzlich …" Der Junge stoppte und dachte nach. „Ich glaube, ich muss der Sache doch noch einmal nachgehen."

„Das glaube ich auch", erwiderte die Mutter. „Bevor du aber losläufst: Gib mir noch schnell einen Kuss."

[Berkeley, 3. Mai 1999. GW]
© 1999 Gerhard Winkler (Text)
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