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2.Teil: IM HAUS


Den ersten Stock zu betreten, das ist Alban zu seinem eigenen Vorteil verboten. Dort rumort und ruft es beständig. Die anderen Diener, älter und größer als er, hasten hinauf, schleichen später zersaust und gedemütigt wieder hinunter. In Alban finden sie einen, der jünger und dünner und hungriger ist. Sie legen auf sein Bett eine warme Decke, säbeln für ihn dicke Brotscheiben ab, füllen ihm Becher mit süßem Rahm und geben ihm überhaupt leichte Arbeit. Dennoch schläft Alban zu oft.
Der strenge Herr schickt ihn heute aus dem Haus, Tabak einholen. Fast hätte sich der Junge im Gewimmel verlaufen. Auf der Straße erkennt er obendrein, er ist unter die Oger geraten.

Schnell wieder zurück und das Tor von innen verriegelt! Alban roch am Tabaksbeutel. Honig, würzige Rinde, aber unter all‘ der Süße lag ein bitterer Geruch. Als ob etwas Schlechtes dort atmete unter den Krumen. Schnell den Beutel wieder zugeschnürt. Der Hausflur war leer. Ebenso die Küche, die Herrenstube, die anderen Räume, der Garten. Alle Welt fort, der Herr ausgegangen, das Gesinde verschwunden. Sonderbar. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft war Alban auf sich selbst gestellt, ganz wie ein Wanderer draußen im Wald.

Er legte den Tabaksbeutel zur Seite, band die weiße Schürze um, griff nach dem Staubwedel, kroch unter Tisch und Stühle und immer weiter am Boden voran, mit der dünnen Nase die Staubfäden erschnuppernd.

In einer Ritze fand er eine Haarnadel. Die steckte er ein.

Von oben ein Pochen. Das überhörte er.

Den Staub kehrte er in einen Eimer, den Eimer trug er über den Flur, die Treppe nach oben war dämmerig und leer. Vom oberen Stockwerk kam ein Pochen und Rufen und Ächzen, daß sich einem die Rückenhaut glatt und kalt spannte.

In der Küche schepperte eine Glocke, das Ruflicht flackerte grünlich und blau. Doch jenen Raum aufzusuchen, das war Alban aus gutem Grunde verwehrt.

Noch einmal ein Blick in den Garten: Kein Mensch. Nur eine Katze unter dem Birnbaum. Quer durchs verwaiste Haus, zur Straßenseite und dort ein scheuer Blick aus dem Fenster. Alban dachte: Was für ein Tag. Allerlei Oger, die aussehn wie welche und dazwischen ein paar, die aussehn wie Oger.

Der junge Diener lief entsetzt in den Hausflur, setzte sich auf die erste Treppenstufe. Das Geschrei und Getöse dort oben nahmen noch zu. Alban legte seufzend die Schürze ab, schlüpfte widerwillig in eine graue Dienerjacke und zog sich Schritt für Schritt, wie ein Kind, das nicht will und doch muß, am Geländer hoch. So landete er, wohin er nicht wollte und sollte und erreichte schließlich eine Tür. Der Schlüssel steckte von außen.


zurück zum Seitenanfang IM ZIMMER

"Zu Hilfe‘ denkt Alban und sieht sich verloren. Was hat er auch nur die Tür aufgesperrt! Einmal arglos ins Zimmer gehüpft wie ein Fink in den Käfig und sogleich jagt ihn ein alter Oger im Schlafrock. Um den langen Tisch, über das hohe Bett, auf die Waschkommode und wieder zurück. Während Alban bei sich überlegt, ob es denn sinnvoll wäre, aus vollem Halse zu schreien, da schreit er schon längst wie am Spieß.

Im Zimmer stank es nach Tabak, nach Schweiß und auch sonst bedenklich. Die Fensterläden waren verschlossen, die Schranktüren standen weit offen, das Bett ein Pfuhl aus Tuchent, ineinander verschlungenen Steppdecken und Kissen.

„So kommen wir nicht weiter", knurrte schließlich der rotgesichtige Alte. Keuchend umschlichen beide die Tafel.

„Darf ich Sie auf etwas aufmerksam machen, strengster Herr", flüsterte Alban heißer vor Angst.

„Nur zu, kleiner Freund, nur zu."

„Es gibt eine erste Regel, die man unbedingt befolgen sollte, wenn man in einem Loch stecken bleibt", erklärte Alban.

„Ach so. Und die lautet?", keuchte der Alte.

„Als erstes soll man die Schaufel weglegen," erläuterte Alban und duckte sich plötzlich, schnellte auf wie eine Feder aus Stahl, landete sicher auf dem hohen Tisch, tanzte auf den Alten zu, jaulend und mit weit ausgebreiteten Armen. Der alte Herr wiederum, der griff sich vor Schrecken an das Herz, der taumelte jäh, der duckte sich feige und Alban sprang einfach über ihn hinweg zum Ausgang und hinaus aus der schrecklichen Höhle.

Aber draußen im Flur warf er die Tür nicht sogleich hinter sich zu, sondern wandte sich um, schaute hinein, sah wie der Alte wortlos nach Luft rang, wie er japste, sich um die eigene Achse drehte, grad wie ein Hund, der sich dreht und dreht und dreht, bevor er endlich Ruhe findet.

Wie der alte strenge Herr zu Boden sank, war Alban schon wieder bei ihm und fing halbwegs den Sturz auf. Dann stürmte er aus dem Raum, warf sich bäuchlings auf den Lauf des Treppengeländers, glitt hinunter ins Erdgeschoß, sprang ab, lief zur Küche. Der Becher Wasser wollte nicht voll werden. Bis Alban wieder den Treppenabsatz erreichte, war der Becher halb leer und eine feuchte Spur folgte dem Jungen nach oben.

Die Tür war ins Schloß gefallen. Sie ließ sich mit allem energischen Rütteln und Schütteln nicht öffnen. Der Schlüssel? Verschwunden. Alban legte ein Ohr an die Täfelung. Drinnen rührte sich nichts.

„Ehre das Alter und verachte Alban den Diener", murmelte Alban. Er nahm Platz auf dem Absatz, senkte den Kopf, ließ den Becher zwischen seinen schmalen Händen kreisen.


zurück zum Seitenanfang AUF DER STRASSE

Alban wird gleich Reißaus nehmen. Doch vor dem Haus des strengen Herrn, da zieht soeben die merkwürdigste Prozession vorbei. Bannerträger zunächst mit riesigen Vogelköpfen und gefiedertem Rücken. Zinnoberrot und ohne jede Zeichnung oder Inschrift sind ihre Bahnen. Darauf folgen die Lanzenmänner. Hoch oben an Ihren gefährlich langen Stangen baumeln spitze Wimpel und Schweinsblasen. Danach ein wildes Gewimmel. Die Stadt hat sich den Dämonen ergeben. Voran die Fuchsgötter in pelzigen Masken und mit bloßen, rostrot bemalten Oberkörpern. In derem Gefolge springen rothaarige Katzen mit riesigen Tatzen. Ein Zug Eichhörnchen schließt an; sie klettern koboldgleich und behend an den Bäumen und Häusern hoch, zupfen, zerren, an den Zuschauern. Die jauchzen auf, lassen sich fortreißen, taumeln hinein in den Zug. Schließlich steigt ein Rudel Hirsche stolz die Gasse hinauf. Prachtvolle Halbgötter, von Schulter bis Schenkel eingeschlagen in rötlich-braunem Gewand. Wehe, es läuft ihnen einer vor das Geweih.

Wer nicht überrollt werden wollte, der tanzte am besten mit. Alban hielt sich einfach am ledernen Wams der Rothirsche fest, hüpfte wild von einem zum anderen, sprang sogar einem Hirschmann auf den Rücken. Er ließ sich tragen, doch sprang sogleich wieder ab, als er drüben einen Durchgang erspähte. In der engen Steige war es ruhig. Hinter ihm schwand der Lärm, vor ihm schwoll er schon wieder laut an.

Der Ausgang zur nächsten Straße war versperrt von einem mächtigen Bratrost. Darauf lagen Krammetsvögel, einer um den anderen fein aufgereiht. Die Drosseln hatten ihre Schnäblein geöffnet. Federlos und verschmort, sahen sie drein, als litten sie im Tod allemal mehr als im Leben.

Eine Weile beobachtete Alban, wie ein Dicker von Herd zu Herd sprang, die kleinen Tierlein sowie allerlei Bratsachen wendete, sie sorgsam einpinselte, gare Vögel und fette Würste herausnahm und die frei werdenden Flächen immer gleich neu bestückte. Zwischendurch half der Dickwanst seiner Frau, schnitt Brot, gab Batzen Mus auf Holzscheiben auf, drapierte die Witvögel, schnitt Würste klein.

Alban schlüpfte in das Geviert und machte sich wortlos nützlich. Der Dicke ließ es geschehen, die Frau war zu beschäftigt. Erst nach einer Weile, als Alban Holzbrettchen einsammeln ging und sie in einem Trog wusch, da nickte die Frau dem Mann zu und der Mann schließlich Alban.

Als es spät und am Stand etwas ruhiger wurde, da nahm sich jeder vom Rost seine Speise. Über der Stadt hing Musik wie eine schwere Wolke. Der dicke Mann und seine Frau, die hielten sich fest umschlungen und sie tanzten nach ihrer Weise. Alban jedoch kroch in eine leere Kiste, fand drinnen ein Tuch, spannte es über den Rand und schlief sogleich ein.

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