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IM WALD
Über dem Hohlweg ein dunkler Saum aus Brombeergestrüpp und Haselsträuchern. Unten ein Schnauben, ein klirrendes Geräusch wie von Kettengliedern. Ein dumpfer, wuchtiger Schlag auf eine Planke. Und wieder flirrende Stille. Oben im Gebüsch fassen spitze Finger eine Dornenranke. Schieben sie, biegen sie sorgsam zur Seite. Da späht ein Mausgesicht hervor; das ist Alban.

Der Junge musterte Gespann und Fuhrwerk drunten im Sand. Die Zugtiere standen breitbeinig und schwer, mit tief gesenkten Häuptern. Wie Spielzeug die Ladung: Fässer, Kisten, braune Säcke. Am Kutschbock steckte eine Peitsche. Kein Fahrer zu sehen, doch der tauchte gewiß wieder auf. Das Gefährt stand da wie gerufen; Alban hatte es sich so sehr gewünscht. Wohin die Reise ging? Das war ihm egal.

Genug überlegt. Die Füße voraus schlitterte der Junge den Sandwall hinunter. Kein Halten für ihn, die Böschung fiel steil ab wie eine Mauer. Unsanft gelandet, sammelte er sich, schlug er den Staub aus der Joppe. Knapp vor ein eisern gerahmtes, grob gezimmertes Rad hatte es ihn verschlagen. Alban spähte unter den Wagenboden. Da war ein Unterschlupf. Kein bequemer, kein allzu sicherer, aber hinlänglich für einen schmächtigen Burschen wie ihn. Jetzt nur nicht zögern! Im Strebewerk sollte er reisen. Geschickt bog und schob und paßte sich Alban dort ein.

War er eingenickt? Ein Ruck war durch das Holz gefahren, die mächtigen Zugtiere hatten sich jählings gestrafft. Die Tiere, Alban, der Wald horchten auf. Ein lautes Gezänk, dann wurde etwas auf den Wagen gehievt, abgeworfen unter Ächzen und Fluchen. Zwei Kerle polterten umher, nahmen zuletzt umständlich auf dem Kutschbock Platz.

„Was hockt auf dem Wagen und reist durch die Nacht?", grölte der Eine.
„Was hat es bis hier und nicht weiter gebracht?", kam es vom Anderen.

Der Wagen ruckelte an; Alban in seinem Versteck griff rasch nach einem Halt. Gerade über ihm ließ einer der Fuhrleute einen fanfarengleichen, endlosen Wind ab. Signal zur Abfahrt, dachte Alban.

Und so war es.

zurück zum Seitenanfang IN DER STADT

Wieder ist Alban eingenickt. Sein dünner Körper keilt sich in eine nicht für ihn geschaffene Ecke. Die Finger bleiben eisern um einen Zapfen gekrallt. Doch treibt er die längste Zeit in brandroten Wolken. Wie er dann aufschreckt, findet er sich in dieser Welt nicht mehr wieder. Erst meint er, er wär ein verschreckter Eichkater und hoch in einen Baumwipfel geflüchtet. Oder hat er sich im Gebirg verstiegen? Unter ihm plötzlich Wolken, ein Abgrund. Alban fürchtet nichts so sehr wie abzustürzen. Da sticht ihm der strenge Geruch nach Tier und Dung in die Nase. Die weiten Landschaften unter ihm verdichten sich zur Wagenspur, zur Wasserpfütze, zu Steinen. Endlich fällt ihm alles wieder ein.

Da war die Stadt. Metallbeschlagene Absätze knallten aufs Pflaster, Leute knurrten wie Köter, ringsum ein Gerassel und Geklapper, als ob schwere Säbel anschlugen. Schattenmänner mit Laternen umkreisten den Wagen, bückten sich wohl, aber blendeten sich bloß selber im Widerschein der Lampe. Alban blieb unbemerkt, glücklicherweise, und der Wagen holperte schwerfällig durchs Stadttor.

Über Pflaster, so rund wie Katzenköpfe, durch Gassen, nicht weiter als ein Bachbett, auf Bahnen gelben Lichts und durch kerkerdunkle Passagen rumpelte der Wagen mit Alban, seinem blinden Passagier. An einer Kreuzung stoppte das Gefährt. Alban lockerte achtlos den Griff, fiel prompt herab, geriet fast vor die Räder, fing sich und schlüpfte geschwind hinter dem Fahrzeug hervor.

Niemand hatte ihn gesehen. Doch. Ein altes Weib, kaum größer als der Junge. Sie stand starr und preßte eine Hand an die Brust. Alban sah, daß er geradewegs auf sie zu rannte, also änderte er flugs seinen Kurs, setzte noch rasch ein entschuldigendes Lächeln auf, doch da sauste er schon an der Jammergestalt vorbei.

Vor ihm öffnete sich ein Platz, in der Mitte ein Brunnen. Aus einem weiten Drachenmaul ragte ein dünner Stift, daraus schoß ein Strahl. Alban konnte nicht aufhören zu trinken. Dann wurde ihm kalt.

Eine knochige Hand fand auf Albans Schulter.

„Heut ist Dienstag. Und du hast noch keine Herrschaft gefunden. Kein Wunder, so wie du aussiehst. Ganz und gar abaissiert und abandonniert!"

„Bittschön, was heißt "abandonniert‘?", antwortete Alban.

„Von allen guten Göttern verlassen. Oder sehe ich einen Geist, der über dir schwebt?"

„Ehre die Götter und verachte ihren Diener, den Alban", murmelte Alban leise. Wie er so dastand, demütig und etwas schief, schaute er nicht höher als auf die verkrusteten Stiefel und das staubige Beinkleid seines Gegenübers.

„So? Meinst Du?" Der strenge Herr griff Alban unter das Kinn. „Taugst Du zu was? Insgesamt? Steh mir Rede und Antwort!"

„Oh. Ich bin ein geübter Schuhputzer und Hosenausbürster. Da, wo ich herkomm, zumindest."

„Zumindest, so so. Und hast gar Erfahrung in der Raum- Zimmer-, Kammerpflege? Insgesamt?"

Sprach der Herr von Räumen? Zimmern? Kammern? Verstand Alban recht? Endlich eine Decke, ein Dach über dem Kopf! Der Junge nickte beflissen.

„Das Pflegen hab ich durchaus gelernt. Auch weiß ich geschickt so manches Handwerk zu besorgen, strenger Herr - "

„Hört, hört! – Ein Exempel!"

So schnell fiel Alban jedoch kein Beispiel ein. Hammer, Nagel, ein dicker Daumen – die dummen Bilder tanzten heran, es wollte kein besseres kommen.

„Ich habe früher schon mal … vielmehr …"

Jetzt aber wurde es Alban nicht nur mulmig, sondern gar schwarz vor den Augen. Er taumelte, tastete blindlings nach einer Stütze.

„Es ist nichts. Ich brauche sicher nur etwas zwischen die Zähne. Einen Happen Brot. Oder dergleichen. Was immer vorhanden. Dann steh ich Ihnen wieder so tauglich wie füglich zu Diensten."

„Füglich zu Diensten …" Dem Herrn schien das zu gefallen, denn er straffte sich und kam zu einem Entschluß. "Nun denn. So hör den Vertrag: Punkt eins, die Pflichten. Pflichten, was immer mir einfällt. Ausruhn wird durch Arbeit abgegolten. Tun, was befohlen. Schlucken, ohne zu klagen. Von jeder Münze, die du auf der Gasse findest, sollst du den Zehnten behalten. Überhaupt, hast du ein Geld bei Dir? Zähl mir alles ohne Umschweif bar auf die Hand, insgesamt."

Alban, der Diener, gehorchte.

So lernt Alban, gerade dem Wald entronnen, das Stadtleben kennen. Während er nach Münzen kramt, aber noch nicht einmal Taschen in seiner Kleidung findet, wippt der strenge Herr ungeduldig mit dem Spazierstock. Aus dem Drachenbrunnen läuft eiskaltes Wasser über die steinerne Fassung. Ein kleiner Strom rinnt über das Katzenkopfpflaster, windet, verliert sich bald in den bläulichen Nachtschatten, die hier still und wachsam liegen.

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