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Tags drauf will der Bäckerjunge gar nicht mehr aufwachen. Die Nacht hindurch hatte er in der Backstube mitgeholfen. Am Ende hatte er noch selbst einige Verkaufskarren mit Festtagsbroten beladen, dabei einmal aufgeschaut und gesehen, wie im lichten Morgen die Konturen der Stadt zu flimmern begannen. Jetzt liegt er träge im Bett, öffnet versuchshalber die Augen. Vor dem Fenster ein ausgeblichener, etwas fleckiger Vorhang, in der selben Farbe wie der Saft von Johannisbeeren. Auf der Wand gegenüber ein Plakat im hölzernen Rahmen. In einer Sprache, die er nicht versteht, wird dort auf etwas hingewiesen, das vom 8. eines Monats bis zum 10. desselben Monats dauern soll. Zu sehen ist auf dem Bild weiter nichts, bis auf ein Lamm, das soeben von einem Pfeil durchbohrt wird und dazu den Kopf schräg und demutsvoll hält.

Noch ehe er einen Gedanken zu Ende denken kann, ist der Bäckerjunge schon aufgesprungen. Er wäscht sich, findet seine Kleider gesäubert, kleidet sich an, zieht endlich mit feuchten Fingern den Haarschopf glatt. So kann er wieder unter die Leute.

Die Riesenbrote, hört er beim Frühstück, gehen bestens. Die Leute essen sie nicht auf, sondern tragen die Fladen offen durch die Stadt, vergleichen das Teiggesicht mit dem eines jeden Passanten, der ihren Weg kreuzt und sie um Haupteslänge überragt. So leicht übersieht man sonst die großen Menschen. An diesem Morgen finden sie einmal Beachtung.


Der Bäckerjunge lässt sich den Weg zum Empfänger des Schreibens von Jo Li noch einmal erklären, umarmt Jo Mai und die Hausgenossen und eilt davon.

Da kommt schon die Straße. Nach Durchgang und Hinterhaus muss er schon länger suchen. Irgendwann steht er vor der Tür, doch die trägt keinen Namen. Einen Türklopfer immerhin, in Augenhöhe, den gibt es und den kann man versuchen. Der schwere Ring ist aber verrostet oder festgewachsen, zumindest lässt er sich um kein Jota anheben. Der Bäckerjunge versucht, das Haus zu umrunden, findet einen schmalen Durchstieg. Wie er hinein will, schießt ein pelziges Etwas heraus und fährt pfeifend in das nächstgelegene Loch. Schnell wieder zurück zur Vorderfront.

Am Eingang tut sich nichts. Er dreht sich kurz um, will auf die Straße zurückschaun, da geht hinter ihm die Tür aber doch auf. Jemand packt ihn, zieht ihn ins dunkle Haus. Einer der wilden Knechte von gestern.

Schweigend führt man den Boten durch abgedunkelte Zimmerfluchten. Viel zu früh erreicht man den Saal des Riesen.

“Jetzt hört mein kleines Leben auf; noch ehe ich einen Gedanken recht zu Ende denken konnte.” Dies denkt der Junge und sorgt sich dabei, man könne seine Befürchtungen hören. So mucksmäuschenstill ist es hier.

Der Riese erscheint, schweigt, atmet heftig. Die Knechte reihen sich stumm an der Wand auf, klirren bedeutungsvoll mit ihrer Gerätschaft. Es ist alles sehr unangenehm. Der Bäckersjunge greift in den Kittel, holt den Brief heraus, verbeugt sich vor dem Riesen. Tritt einen Schritt vor und noch einen, der Weg zum bösen Mann hin scheint unendlich weit. Schließlich streckt der ungefügte Kerl seine Hand aus. Der Bäckersjunge legt den Umschlag hinein. Zwei Schritte zurück, erneut eine sachte Verbeugung. Höflichkeit ist eine feste Kleidung zwischen dem eigenen Herz und der Rauheit der Welt.

Der Brieföffner in der Hand des Riesen ist nicht größer als ein Zahnstocher. Gekonnt schlitzt der Unhold das Kuvert auf, schüttelt es kurz. Aus der glatten Öffnung fällt ein Blatt. Einer der Umstehenden eilt hinzu, hebt das Reispapier eilfertig auf. “Lies vor”, schnauzt der Unhold.

Doch da pocht es an der Tür und wieder ein anderer Dienstbote stürzt herein, das Gesicht rotfleckig, als wäre ihm das Dasein ein Lauf über glühende Kohlen. Mit sich führt er eins der ominösen Riesenbrote. Ein Ohr scheint abgeknabbert zu sein, aber dennoch ist die Ähnlichkeit zwischen Anführer und Teiggesicht unverkennbar.

“Alle Welt sucht …”, flüstert der Diener, verstummt aber schmerzlich, denn der Riese hat ihn gepackt und funkelt ihn aus Rundaugen an. “Wolltest du dazwischenreden?”, zischt er. Und zum ersten Diener gewandt: “Na, lies endlich vor.”

Dieser räuspert sich, hebt kläglich an, die Stimme kippt um. Der Mann fasst sich jedoch und beginnt so:

“Mein Freund.

Sofern dich dieser Brief noch erreicht und du nicht bereits verloren bist, flüchte ohne Verzug aus der Welt, denn Verderben droht und steht schon jetzt vor der Tür. Versalzen will ich dein Süppchen und ein hartes Brot erwartet …”

Da klirrte und huschte es hinter dem Bäckerjungen – ohne ein Wort jagten die Knechte davon. Der Riese aber stand steif, senkte seine Augen in die Augen des jungen Boten. Dann blinzelte er, flatterten seine Lider. Plötzlich setzte er sich in Bewegung. Schweren Schritts ging er zum Fenster. Öffnete Flügel und Läden, hievte ein Bein über die Brüstung, stieß sich schwerfällig ab und stürzte wie ein Sack.

Der Junge spreizte die Finger und fuhr sich aufatmend durch den dunklen Schopf.

Vollkommen ungestört durchsuchte er sodann die Riesenbehausung nach der Prinzessin. Ein Vorraum. Ein nachgeordneter Vorraum. Ein Warte- und Aufwärmzimmer. Eine Vorratskammer. Eine Wohnküche. Ein Grill- und Bratkabinett. Die Ecke mit dem Backofen. (Hier verweilte der Bursche länger.) Vier Kleiderkammern, für jede Jahreszeit eine. Eine weitere Kleiderkammer, anscheinend für die Übergangszeit. Eine Hiebwaffenkammer. Ein Trockenraum. Ein begehbarer Schusswaffenschrank. Ein Kühlraum. Wie groß war dieses Haus eigentlich? Da war das formale Esszimmer. Ein Herrenzimmer. Die ehemalige Bibliothek, jetzt ausgeräumt und ein Kraftraum.

Und dann die erste mit Eisenschlössern gesicherte Tür. Der Schlüssel lag unter der Matte und sie öffnete nur eine Art Schatzkammer. Goldketten, protzige Uhren, Siegelringe, Berge von Manschettenknöpfen – da häufte sich doch nur der übliche Tand, den Räuber für ihr standesgemäßes Leben brauchen.

Bei der zweiten, noch stärker armierten Tür, musste er eine Lanze aus der Waffenkammer besorgen. Einige wohlgesetzte Schläge, und mit lautem Krachen zersplitterte das Holz. Dahinter lag eine Art Zelle. Und Si Bata? Sie kniete vor der Wand, unter einem vergitterten Fenster. Falls sie es war; doch wer konnte einem sonst so edel und anmutig den schmalen Rücken zuwenden? Si Bata schien ganz in Gedanken darüber versunken zu sein, welchen der sieben möglichen Auswege sie versuchen sollte.

Oder folgte sie bereits einem Plan? Jetzt erst bemerkte sie den Eindringling. Ohne aufzusehn warf die Prinzessin einen Suppenlöffel von sich und rief gefasst: “Jetzt hört also mein schönes Leben auf; noch ehe ich meine kühnen Gedanken zu Ende denken konnte.”

“Fürchte dich nicht, Si Bata (obwohl dir der Anflug von Furcht in den Augen unglaublich gut steht). Ich bin gekommen, dich zu befreien.”

“In der Tat erscheinst du mir nicht fremd, vermutlich, weil Helden sowieso zu meinem Bekanntenkreis zählen.”

“Hier hast du übrigens deinen Ringelreif wieder.”

“So bist du der Richtige.” Si Bata erblasste und neigte ihren schönen Kopf. “Ich glaube, ich werde ohnmächtig. Massier schnell mein Herz.”

“Wo soll ich ansetzen?”, fragte der Bäckerjunge.

“Hier. Nicht da. Bitte höher. Genau.”

Und als sie nicht mehr unmittelbar befürchten musste, das Bewusstsein zu verlieren, sagte Si Bata seufzend: “Du knetest und walkst, als wärst ein Bäcker.”

“Die größten Bäcker backen die kleinsten Brötchen”, murmelte er.



So hatte der Bäckerjunge, während er seinen Auftrag erledigte, nebenbei eine wunderbare Prinzessin aus der Gefangenschaft eines Riesen gerettet. Dies dankte ihm Si Bata so edel wie hochherzig. Das heißt, sie versprach, dass man sich in aller Ruhe an einem ruhigen Ort träfe, sobald sich der Wirbel um ihre Errettung etwas gelegt haben würde. Tatsächlich war an diesem Tag die Aufregung groß. Unaufhörlich zündeten Fotografen ihre Magnesiumbirnchen. Kleine Fähnchenschwinger lächelten eifrig. Schreiber zerbrachen ihre Stifte. Hofpolizisten schritten immerzu ein und gleich wieder aus. Jung und Alt dienerte vor Si Bata; bald war sie vom Hofstaat eingerahmt wie ein Porträt in einem goldenen Rahmen. Und am Ende war sie verschwunden.

Irgendwann kamen die beiden aber doch für ein paar Minuten wieder zusammen und fanden sich allein in einem Winkel. Da bat Si Bata den Bäckerjungen erneut, ihr das flatternde Herz zu massieren.

“Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Du massierst eben doch so, wie ein Bäckerjunge knetet. Ich bekomme davon Kopfweh. Und warum willst du mir deinen Namen nicht nennen?”

Noch nicht einmal das konnte er sagen. Zuhause war vom Bäckerjungen bekannt, dass er viel, gern und gut redete. Doch je ungeduldiger Si Bata fragte, je mehr man am Hof auf Antworten bestand, je tiefer all die Amts- und Bedenkenträger herumstichelten, desto steifer und verstockter wurde er.

Ob er ein Wanderheld sei, mit dem mongolischen Faustkämpfer Schee Li identisch. Ob er gern
Stutenmilch trinke, den Frauen gefährlich sei, ob er vor dem Einschlafen lese und falls ja, welche Klassiker. Ob die Helden von heute eher Herzen brechen oder Gesetzesbrecher einfangen sollten. Ob Heldentum eine Kunst sei oder ein Handwerk.

Der Bäckerjunge entschuldigte sich, fand einen Seitenausgang, entwischte den aufdringlichen Fragern, nahm ungesehn den erstbesten Zug zurück in die Heimatstadt. Als er dort ankam, öffnete gerade das Salzkontor. Jo Li stand ernst und hörte an, was geschehen war. Er nickte und deutete auf einen Sack in der Ecke. Dann sagte er: "Hättest du den Schlangenreif dem Riesen ins Gesicht geworfen, die Geschichte hätte eine ganz andere Wendung genommen. Doch so ist es auch recht."

Zu Hause angekommen, hieß ihn der Vater zuerst an, sich Gesicht und Hände zu waschen. “Jo Na, wie schaust du denn aus? Als ob du kopfüber in einen Graben voll Sorgen gefallen wärst. Schnell zum Trog, wasch deinen Ärger ab.”

Dies getan, berichtete Jo Na, denn so und nicht anders hieß der Bäckersjunge, von Jo Lis Auftrag. Auch seine Erlebnisse in der Backstube von Jo Mai gab er getreulich wieder. Zuletzt sagte er noch, dass er den Brief wie versprochen beim Empfänger abgegeben hatte. Was darauf noch alles geschah, erzählte er nicht. Bäcker hören es nicht gern, wenn der Sohn von fernen Palästen berichtet.

“Riesenbrote zum Zopftag”, erwiderte nach einigem Nachdenken der Vater. “Das kann doch nichts werden.”

“Doch, doch”, erwiderte Jo Na. “In der Hauptstadt backt man ausgezeichnete Ware. Bloß wir Bäcker werden vielleicht nicht von jedem geschätzt.”



Am nächsten Morgen stand jedoch eine schmale Botin vor der Backstube. Sie trug einen Hut mit breiter Krempe und ein Reisekleid in der Farbe von jungem Gemüse. In ihrer Hand ein in Seidenpapier eingewickeltes Päckchen. Von Jo Mai käme es. Nicht an den alten Bäcker sei es gerichtet, sondern an den jungen. An den Sohn vom Bäcker allein.

“Dann geht das an Jo Na, denn so wird mein Sohn gerufen”, erwiderte der Vater.

Jo Na kam gerade vom Trog hergeschlendert und wischte sich die Hände an der Hose ab. “Ach herrje”, sagte er. “Jo Mai schickt mir bestimmt die Backform nach.”

Als sie diese Stimme hörte, fasste die Botin aus der Stadt rasch an ihr Herz und rief: “Oh. Es steht zu befürchten, dass ich vielleicht sofort ohnmächtig werde.”

“Was kann ich da tun?”, fragte Jo Na.


(Frankfurt, 20. Juni 2001)
© 2001
Caroline Krämer (Ilustration), Gerhard Winkler (Text)


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