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Es war einmal ein Bäckerjunge. Statt zu kneten und zu walken, redete er mit den Händen und fuhr sich dabei über Gesicht und Haarschopf. “Wie schaust du denn aus? Wie das Teiggespenst. Geh zum Trog und wasch dich”, wies der Vater ihn an. “Und besorg uns noch gleich einen Sack Meersalz”.

Gegenüber der Backstube stand auf zwei hölzernen Posten eine Tafel. Darauf gemalt eine Schildkröte. Die Beine staksten im Sand, der Kopf zeigte hinaus auf eine tiefblaue Lagune. “Direkter Weg ins Glück”, so war auf der Planke zu lesen. Vom Bild herab strahlte das Meerblau und verlieh einem Waschtrog, der gleich darunter stand, Glanz. Der Bäckerjunge bückte sich und benetzte Stirn, Augen und Nase.

Das nasse Haar zog er mit dem Fingerkamm nach hinten. Der Bäckerjunge strich dann mit feuchten Händen die Hosen glatt und ehe er noch einen Gedanken zu Ende gedacht hatte, stand er schon im Kontor des Salzhändlers Jo Li. Ob er denn, während der Salzsack für ihn herbeigeschafft werde, ob er dem Händler gefällig sein könne. Nämlich diesen Brief fort tragen und dem rechten Empfänger übergeben.

Dies könne er sicher, erwiderte der Bäckerjunge. Den Brief verwahrte er in der Tasche seines Kittels. Dann stand er stumm und wartete. “Worauf wohl?”, fragte der Salzhändler. “Ihr habt noch nicht gesagt, an wen das Schreiben gehn soll”, erwiderte der Bäckerjunge. “Hab ich das nicht?”, sagte Jo Li, der Kaufmann. “Überaus seltsam.” Und schob sanft den Jungen aus dem Laden hinaus in das Licht.

Draußen zog der Bäckersohn den Brief aus der Tasche. Anrede und Titel verstand er; den Namen hatte er bislang weder gehört oder gelesen. Auch Straße, Durchgang und Hinterhaus sagten ihm nichts. Der Brief sollte im Land verbleiben, aber fort in die Hauptstadt gehn. Da musste sich der Bäckerjunge aber sputen: Für den letzten Zug dorthin stellten sie drunten am Bahnhof schon die Waggons zusammen.

Das Bahnreisen aber war in diesem Weltteil ungefähr so angelegt: Ein bisschen lesen, so gut es geht schlafen, die meiste Zeit über plaudern und dabei fortwährend im Proviantsack herumkramen und jausen.

Zu verzehren hatte der Bäckerjunge zwar nichts mitgenommen, aber er wusste beidhändig zu reden. Es dauerte kaum länger als eine Station, da stopften die anderen Reisenden schon seinen Mund voll. So ging es von einer Zwischenmahlzeit zur nächsten. Die holte man aus Proviantkörben hervor oder aus bauchigen Taschen, die zwischen den Beinen der Reisenden standen. Oder man kramte in Säcken droben im Gepäcknetz. Später dann dösten alle ein wenig, gähnten ungeniert. Wer etwas zu lesen hatte, der tat so, als ob er las, lauschte jedoch in Wahrheit dem wispernden Paar gegenüber.

Ganz passabel verging so die Zeit. Endlich in der Hauptstadt angekommen, fand der Bäckerjunge sogleich einen Platz, um sich das Gesicht zu waschen. Mit feuchten Fingern zog er Strähne um Strähne das dunkle Haar glatt. Er wischte sich an der Hose die Hände ab und trat hinaus auf die Straße.

Hier folgte er zunächst einem Stolperkasten, aus dem unten zwei bloße Füße, oben ein kahler Kopf und an den Seiten nackte Arme ragten. Vor dem Plakatträger teilte sich die Menge, der Junge folgte im Kielwasser. Das Bild auf dem Rücken des Mannes zeigte einen flüchtenden Hasen. Was wohl an der Bauchseite angeschlagen war? Als hätte er die Frage gehört, stoppte der Bildermann, drehte sich schwankend um, balancierte das Tragwerk aus und zeigte dem Bäckerjungen seine Vorderfront. Dort prankte ein Löwe und die Inschrift hieß: "Sieh dich vor".

Vor dem riesigen Maul drehte der Bäckerjunge schnell ab und ehe er noch einen Gedanken zu Ende gedacht hatte, war er schon weiter und immer weiter marschiert. Er folgte einigen Gässchen bis an ihr verborgenes Ende. Dort fand er wiederum Durchlässe, von steinernen Bögen eingefasst. Von diesen führten ihn Steintreppen hoch an die nächste Querstraße.

Einsamer wurde es um ihn, immer großzügiger der Ausblick, immer höher zugleich die Mauern und immer verschlossener Fenster und Türen.

Hinter ihm Schritte. Ein schmales Ding wieselte an ihm vorbei, huschte seitwärts. Etwas glitt seine Schulter, seinen Arm entlang, hielt sich kurz an ihm fest. Eine Hand schob sich in seine offene Hand. Schon war die Erscheinung fort, Verfolger dröhnten heran, die Schritte wie Trommelwirbel in der steinernen Gasse. Der Bäckerjunge sprang zur Seite, schaute, was noch alles nachkam und sah einen Riesen.

Der kam heran, wischte achtlos den Jungen zur Seite; warf ihn um wie ein wütender Stier. An eine Hauswand gefegt, sah der Briefbote zu, wie der Verfolger verschwand. Hinter ihm wieder Lärm, Geklirr und das Geräusch eisenbeschlagener Sohlen. Mit Netzen und Tauen bewaffnet, keuchten Kerle vorbei. Vom Hintergrund her stolperten zwei Sänftenträger heran, schrammten an Hauswänden entlang mit ihrer ungleichgewichtigen Last.

Vom Bäckerjungen nahm keiner Notiz.

Es wurde wieder still in der Gasse. Still wie nachmittags zu einer gewissen Stunde im Laden, wenn sich die letzten Laiber Brot im Regal verlieren, wenn sich die Verkäuferin absentiert hat und wenn der verspätete Käufer unentschieden auf der Stelle verharrt, ganz betäubt vom warmen Geruch nach Backwaren. Verlassen sein ist ja nichts mehr als ein Duft oder ein Nachhall. So stand der Bäckerjunge still da und nahm die leere Welt in sich auf. Und mit einem Mal hatte er wieder das Rauschen und Pochen der Stadt in den Ohren.



Als es dunkelte, fand der junge Hauptstadtbesucher eine Backstube, stellte sich dort einem Meister namens Jo Mai und dessen Familie vor, wurde von der Gesellschaft herzlich aufgenommen und saß bald mit dem ganzen Haus zusammen. Er berichtete von seinem Auftrag, dann redete man auf Handwerkerart über dieses und jenes. Hierorts buk man ein vielkörniges gräuliches Landbrot. Aus der Provinz käme diese Sitte aber nicht, erklärte der Bäckerjunge bestimmt. Ganz gleich wäre das, bekam er zur Antwort. Die verwöhnten Kunden verlangten es eben so und nicht anders. Der Empfänger des Schreibens von Jo Li wohne übrigens im angrenzenden Stadtviertel; zumindest läge dort die Straße und sicher auch der Durchgang. Das rechte Hinterhaus würde sich dann schon finden. Morgen früh bereits könne der Bäckerjunge seinen Auftrag zum guten Ende bringen. Um so besser, dies würde also doch ein kurzer Ausflug werden. Wofür der viele angerührte Teig wäre? Morgen feiere man ja das Zopffest, dafür brauche es die passenden Brote. Und ansonsten? Die Sonne gehe unter, der Teig gehe auf. Was es da zu lachen gäbe? Für unsereins sei die Nacht zum Backen da, zum Backen und zu nichts anderem. Der Dichter sage schließlich: “In einer Stadt, die niemals schläft, wird auch der Backofen nicht kalt.” Und sonst noch? Weiterhin sei auch die Prinzessin Si Bata entführt worden, im nämlichen Stadteil. Heute nachmittag sei dies geschehen, so gegen vier.

Während all dem hatte der Bäckerjunge nach Messer und Holzscheit gegriffen und angefangen, an einem Model zu schnitzen. Wie merkwürdig das sei, erklärte er. Draußen auf dem Land verkaufe sich heuer ausschließlich das hellere Stadtbrot. Dabei habe er gerade gelernt, wie man die Rinde krustig und rösch bäckt. Dieser Stadtteil sei überhaupt nicht ganz ungefährlich. Heute nachmittag habe ihn sogar ein Riese überrannt. Er sei von dunklen Mordbuben begleitet gewesen und alle seien sie einem armen Jungen nachgegangen. Oder einem Mädchen? Wartet, so ungefähr sah er aus, der böse Mann.

Der Junge hatte in der Zwischenzeit aus der Holzform das Antlitz des Riesen herausgearbeitet. Jetzt zeigte er der Runde sein Werk.

Der Hohlkopf schien, so rief Jo Mai aus, obwohl seitenverkehrt, doch völlig charakteristisch zu sein und sehr gut getroffen. Jeder beteuerte, sich den Kerl haargenau vorstellen zu können. Ihn aber schon einmal gesehen zu haben, daran erinnerte sich keiner.

“Trug das Mädchen …”
“Vielleicht war es ein Junge.”
“Trug das Mädchen oder der Junge am linken Handgelenk einen silbernen Reif? In Form einer geringelten Schlange? Dann war es Si Bata. Der Armreif ist eigentlich zu groß , deshalb muss sich die Schlange gehörig winden.”
“Ich erinnere mich nur an ein kichererbsenfarbenes Hemd. Spitze Nase, dünnes Haar. Sehr schmale Arme. Finger, so flink wie die eines Taschenspielers.”

Noch ehe er seinen Gedanken zu Ende gedacht hatte, hielt der Bäckerjunge inne, griff in den Kittel und fand neben dem Brief den nämlichen Armreif. Ein wurmlanges Tier schlängelte und dehnte sich und schnappte fortwährend nach seinem Ende. Als der Junge das lebendige Band überstreifte, passte es sich an. Ein Wunder, kein Zweifel, so riefen alle. Si Bata hatte ihm ein lebendiges Zeichen gelassen.

Der Riese war es, der Si Bata nachgespürt und sie entführt hatte. Sein Konterfei steckte in der Hohlform des Models. Verwenden musste man diese Form und damit den Teig ausstechen. Die ganze Nacht hindurch fleissig backen. Morgen früh dann zusammen mit dem Riesenbrot den Bericht des Bäckerjungen verbreiten.

Worauf man zweifellos bald Si Batas Entführer aufspüren werde und die Prinzessin, sofern sie noch lebte, befreien.


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