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Rede des Märchenerzählers

Erwachsene sind der Ansicht, manche von Floribelles Märchen seien einfach nichts für Kinder. Kinder wiederum finden, daß zumindest ein paar von diesen Geschichten die lieben Erwachsenen schlicht überfordern.

"Viele von denen stürzen sich auf Floribelles Web Site zum Beispiel heimlich im Büro, während der Arbeit. Wenn keines von uns Kindern auf sie aufpaßt. Dann stehen sie anschließend oft am Fenster, starren lange auf den Parkplatz und können das Erfahrene nicht verarbeiten."

Floribelles Märchenschatz als Gefahrengut? Ich wäre der letzte, der dies leugnen könnte. Schließlich bin ich als Märchenerzähler ja der erste, der von all' den sonderbaren Geschehnissen erfährt. Ich muß gestehen, bei einigen dieser Szenen schaue ich mich ab und zu um, ob ich wirklich ganz allein in meinem Zimmer sitze. Wirklich schauderhaft.

Stellen Sie sich dieses Zimmer durchaus schon etwas dämmrig vor, mit zwei lavendelblau schimmernden Bildschirmen. In dem linken ist ein einfaches weißes Fenster aufgezogen. Das gehört zu einer Anwendung mit dem schönen Namen SimpleText.

"Mach genau das zu Deinem Programm". - Doch man überhört so leicht die Ratschläge guter Feen und weiser Leute.

Gott sei Dank kann ich mir von all diesen märchenhaften Sachen nichts merken. Wenn ich die Nachrichten aus Floribelles Reich nicht gleich aufschreiben würde, dann wären diese Wolkengebilde nicht nur nach kürzester Zeit vergessen. Sie wären nie im Leben passiert.

Und die Erwachsenen unter den LeserInnen hätten nichts zu meckern.

Dabei habe ich doch früh und schmerzhaft erfahren, daß man beim Schreiben stets seine Zielgruppe vor Augen haben muß. Wehe, man klärt vorher nicht ab, was die geneigten LeserInnen wollen. Und wieviel sie verkraften.

Dieses Schlüsselerlebnis ist schon so lange her, fast wie aus einer anderen Zeit: Eine meiner ersten Hausarbeiten schrieb ich über eine bekannte Ackerfrucht der Region:

"Die Spargel
Die Spargel sind grün. Die Spargel sind blau. Die Spargel sind weiß. Die Spargel werden hingerichtet."

Heute wie damals bin ich der Ansicht, mehr muß man über dieses Gemüse im Grunde nicht sagen. Damals lachte mein Vater auf. Ich lachte schüchtern mit. Er wurde plötzlich böse und gab mir eine Ohrfeige.

Was für ein früher Wendepunkt meines Lebens. Verpaßt. Ich hätte mir bloß sagen müssen: "Werde Baggerführer. So früh es nur geht. Und meide künftig alle schriftlichen Dinge."

Stattdessen setzte ich mich heulend hin und schrieb den Aufsatz um.

Selber schuld. Mühsam, im Lauf der Jahre lernte ich, wie man für alleinerziehende Akademikerinnen mit protestantischem Background schreibt. Für das Landvolk draußen auf den Aussiedlerhöfen. Was Pädagogenherzen erfreut. (Ach, die Wahrheit ist mühsam.) Wie man Erwachsene erzieht. (Mit Geduld.) Was Diplomkaufleute begeistert. (Alles, was glänzt.)

Ich weiß sogar, was die Redakteure anmacht. (So ein trauriger Beruf. Tag für Tag immer nur Strohhalme aufklauben. Spreu, die schon beim Anfassen unter den Fingern zerbröselt. Oder dran kleben bleibt.)

Aber Märchen für einen Markt positionieren? Ach Kinder, nicht mit mir. Nicht mit Floribelle.

Also, Ihr vernünftigen Erwachsenen: Eure altersgerechten, lieben, lehrreichen, aufbauenden, fördernden, wertvollen, zurechtgestutzten, die Welt erklärenden, rundum positiven Kostbarkeiten findet Ihr, wo Ihr wollt. Aber nicht hier.


Gerhard Winkler

[Kensington, 10. 2. 1998]
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